514 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
dert geht Hugo ungemein schnell hinweg, da ihm die Quellen fehlten. Mitdem 8. Jahrhundert beginnt für ihn das um 1050 verfaßte Chronicon s. Be-nigni aus Dijon wichtig zu werden, 1 aber im Vordergrund steht doch dieGeschichte des Verduner Bistums. Die Reichsgeschichte tritt gänzlich zurückund erscheint nur sporadisch im Rahmen der lokalen Bistumsgeschichte.Von den Ruhmestaten Karls des Großen erfährt der Leser daher fast nichtsdagegen wird ihm die Errichtung des Klosters in Cluni 910 und der Todseines Stifters, des Herzogs Wilhelm von Burgund, 918 erzählt. Dasgroße Walten einer Persönlichkeit wie Gerbert berührt den Verfasser nichtaber treulich werden die Kluniazenseräbte aufgezählt. Dagegen bietet derKirchenstreit und die Person Gregors VII. dem Hugo einen sehr willkom-menen Stoff in der späteren Zeit, und es ist sehr bezeichnend, daß das Papst-tum eigentlich erst seit Nikolaus II. ein hervorragendes Interesse gewinnt.Und man kann nicht sagen, daß Hugo die Geschichte Westfrankens vor derostfränkischen bevorzugt hätte, was ja bei Schriftstellern Lothringens nichtselten ist. Westfranken hat für ihn nur Wichtigkeit, soweit sich seine Ge-schichte in die Kirchengeschichte Lothringens und Burgunds einfügt. 2 Imganzen letzten Teile seiner Darstellung überwiegen dann die mit seinereigenen Persönlichkeit untrennbar verbundenen Schicksale seines Klosters,und hierbei fordert er häufig die innere Anteilnahme des Lesers heraus, wenner selbst beim Schreiben seines Berichts mit dem Gemüt stark beteiligt ist. 3Auch hieraus wird man erkennen, daß man seinem Werke den Namen Welt-chronik mit Unrecht beigelegt hat.
Trotz seines einseitig kirchlichen und subjektiven Charakters hat aberHugos Werk einen großen Wert. Er liegt einerseits in der Benutzung einerfast unübersehbaren Menge von Quellenschriften aller Art, von denen nurein kleiner Teil oben genannt werden konnte. Man sieht hieraus die Reich-haltigkeit der von Hugo benutzten Archive und Bibliotheken und man ge-winnt einen näheren Einblick in die Überlieferung vieler wichtigen Ge-schichtsquellen. Denn unter den von Hugo benutzten Werken sind aus deralten Literatur zu nennen 4 die Notitia provinciarum (p.291, 51—54), Ida-cius, Victor Vitensis, Jordanis, Gregor von Tours, Nennius (X, 13; p.313,59ff.), Sulpicius Severus Ep.III, 10 (p. 348), aus späterer Zeit Paulus Dia-conus, Einhart (Vita Karoli p.340, 18. 342, 1. Annales p.353, 3. 16. 22 usw.),Annales Fuldenses (p.326, 4. 340, 3. 353,27. 438, 40ff., sie werden GestaFrancorum genannt), Liber pontificalis, Hincmari epistolae, Gesta episc.Mettensium (p.347, 17), Prudentii annales, Anastasius in chronic. Theopha-nis (p. 320, 7 ff.) Flodoard von Reims (p.357, 38. 56. p. 358—361. 364), Ri-cher von St. Remi (p.365, 50. 367), Rodulfus Glaber (p.367. 391 f. 399—404).Sodann eine sehr große Zahl von Heiligenleben, darunter die Vita Richardiund Revelationes Richardi (p.381, 3—391) und die Vita Symeonis (p.394.
iUeber die Quellen des ganzenWerkes han- an Christus. Der Schluß p. 497—502 han-delt eingehend R. Köpke, Archiv d. Ges.f. delt vom Tod und Begräbnis Rudolfs vonalt. deutsche Geschichtskunde 9,240—292. St. Vannes.
2 p. 412 ist aus dem Libellus des Kar- 4 Die meisten vorgenannten sind nichtdinals Deusdedit genommen, vgl. Giese- wieder erwähnt. Die Notitia provinciarumbrecht, Münch. hist. Jahrbuch 1866,188. stammt aus der Cosmographia bei Riese,
3 p. 481, 21 ff. begegnet sogar eine Anrede Geogr. lat. min. p. 97, 7—24.