510 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
Kapiteln der alten Stadtgeschichte finden sich Namen vorangestellt__ Am-
brosius, Thomas, Benedikt und Datius —, welche bisher als Fiktionen galten-F e r r a i aber hat diese von Duchesne stark verf ochtene Ansicht zu beseitigengesucht. Nach seiner Ansicht gab es Annales Datiani, von Bischof Datiusbegonnen und fortgeführt bis etwa 951; diese wie die Schrift De situ urbisMediol. gehörten zu Landulfs Quellen. Und allerdings hatte man 1320 inMailand eine Cronica Datii. 1 So beruht nach A. Ferrai Buch 1 und 2,1—15von Landulf auf jenen beiden Werken, auf dem Sermo b. Constantii unddem Sermo b. Thomae archiepiscopi; Landulf hat in diesem Eingangeseiner Geschichte die für ihn noch erreichbaren Fragmente der älteren Quel-len gesammelt. Demgegenüber behauptet nun aber F. Savio, daß die Hi-storia Datiana von Landulf selbst herrühre, was indes nach dem von ihmbeigebrachten sprachlichen Material sehr wenig wahrscheinlich ist. Man hatsogar daraus, daß der Name des Datius mehrfach vorkommt, 2 schließenwollen, daß Landulfs ganzes Werk dem Datius gehöre. 3 Freilich mag Lan-dulf zu seinen Quellen manches zugesetzt und die eingelegten Reden selbstangefertigt haben. Sein Stil ist nachlässig und seine grammatischen Kennt-nisse sind zuweilen recht schwach. Die von ihm gegebenen Väterzitate sindoft stark korrumpiert und wenn sie mehrfach erscheinen, nicht gleichblei-bend. Jedenfalls hat er literarisch nachlässig gearbeitet, 4 nicht einmal dieBibelzitate sind richtig gehalten. 0. Kurth hat sich der Mühe unterzogen,alles das zusammenzustellen, 5 was sagenhaft erscheint, was falsch berichtetwird und was chronologisch unrichtig gegeben wird; er macht aber auch mitRecht darauf aufmerksam, daß Landulfs Geschichte einen nicht unbedeu-tenden kulturhistorischen Stoff in sich birgt.
Landulf widmet sein Werk einem Archipresbyter L., der allerdings imMailänder Klerus jener Zeit nicht zu finden ist. 6 Er beginnt mit außer-ordentlichem Lob auf Mailand und erzählt dann die Geschichte des Ambro-sius und seiner Nachfolger. Schon hier kann er dem Drange nicht wider-stehen, größere oder kleinere Reden einzulegen, die in der vorliegendenGestalt nicht gehalten sein können. 7 Das zweite Buch eröffnet er mit einemRhythmus von 45 Fünfzehnsilbern in Strophen von je drei Versen, die amEnde gereimt sind; er beginnt mit einer Doxologie: der Dichter bekenntseine Sünden und ermahnt die Jugend zum Ernste, da die Stadt von Schis-matikern beherrscht werde. Nun führt er die Geschichte der Erzbischöfeweiter und benutzt zu einer langen Rede des Erzbischofs Benedikt die VitaEpiphanii des Ennodius. 8 Bald erzählt er mit außerordentlichem Wort-schwall, dem man die freie Erfindung als Stilübung anmerkt, eine große,umständliche Geschichte aus der Zeit König Adalberts von Italien und
1 Archiv, storico Lombard. 4, 962. Zu 6 Vgl. a. a. 0. S. 24ff. 33 ff. 43ff.
De situ urbis Mediol. in Michelsberg 1120 6 Vgl. Wattenbach, SS. 8, 32. Kurth
vgl. oben. S. 8 f. möchte daher an einen Schreibfehler
2 Nämlich 1, 2. 4. 12.13. glauben.
3 Vgl. hierzu O. Kurth a. a. O. S. 19f., ' Zur Chronologie ist die Stelle bezeich-wo die irrige Ansicht über Datius noch nend2, 2 p. 45, 36 „Zur Zeit des Honoratusvorgetragen wird. (568) und als König Lambert das Kaiser-
4 Zur Quellenbenutzung vgl. 0. Kurth tum inne hatte (896)".S. 20ff. 8 2,15 p. 52, 27—34.