504 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
benutzt hat, spricht er selbst in der Vorrede und er bemerkt, daß die altenDänen sowohl ihre eignen Großtaten aufzeichneten, als auch die von denTaten ihrer Ahnen verbreiteten Gedichte in der Muttersprache auf Steineund Felswände eingruben; er selbst habe sich in seiner Darstellung daraufstützen müssen und habe die Gedichte in Versen wiedergegeben. Aber auchdie geschichtlichen Darstellungen der Isländer habe er für einen großenTeil seines Werkes zu Rate gezogen und bei ihnen selbst Erkundigung ge-holt. Ebenso habe er dem persönlichen Berichte Absalons vieles zu verdan-ken. Nun ist durch neuere Untersuchungen festgestellt, 1 daß ein sehr be-deutender Teil von Saxos Sagenschatze norwegisch-isländischen Ursprungsist, während der Rest auf dänische Grundlage zurückgeht. Von Island hatSaxo nur mittelbare Kenntnis gehabt, da er die Insel nicht besucht hat;wohl aber war er in Norwegen, denn er begleitete 1168 König Waldemar I.auf seinem zweiten Zuge in dies Land. 2 Deutsch scheint er weniger alsIsländisch verstanden zu haben, und den Isländer Arnold, der in der Ge-schichte seiner Heimat erfahren war, nennt er in der Begleitung des Erz-bischofs Absalon. 3 Auch einen Engländer Lucas erwähnt er, den Schreiberdes Dänenprinzen Christoph, der in der Geschichte sehr bewandert warund der wohl für die auf die britischen Inseln und auf Nordfrankreich be-züglichen Sagen seine Hauptquelle gewesen ist. 4 Dagegen bringt Saxo wohlaus Nationalhaß auf die Deutschen nichts von Siegfried, obwohl er einensächsischen Sänger dem Dänenkönige die Lieder von Chriemhildens Haßgegen ihre Brüder vorsingen läßt. Überhaupt ist kein Geschichtswerk desMittelalters so ausschließlich national gehalten wie das Saxos: Wederspielt die Bibel bei ihm eine Rolle, noch ist von Gott und der Vorsehungdie Rede, und von eigentlichen Quellen führt er nur Dudo, 5 Beda 6 und Pau-lus 7 Diakonus an. Dagegen ist wohl als sicher anzunehmen, daß Saxo sichinhaltlich mit Adam von Bremen und mit Galfred von Monmouth berührt.Da Christlichkeit und Christentum fast ausgeschaltet sind, so spielen alteheidnische Sagen eine gleich große Rolle wie die alten Göttersagen, die vonOdin und den Äsen erzählt werden. Saxo wollte wohl ein farbenreicheskulturhistorisches Gemälde dänischer Vorzeit entwerfen. Er bringt zudiesem Zwecke ein gewaltiges Material zusammen, aber seine Auffassungist nicht groß genug, um die Schönheit und Lebenswahrheit der nordischenGötterlehre zu erkennen: für ihn sind Götter, Riesen und Zwerge nur Men-schen, und zwar die Götter Gaukler und Betrüger. Dabei ist er eine Haupt-quelle für das nordische, namentlich für das isländische Schrifttum. SeineSammlung von isländischen Heldensagen des 12. Jahrhunderts birgt einegroße Zahl von Unterhaltungs- und Heldenromanen und die zahl-reichen aufgenommenen Gedichte bieten eine wichtige Ergänzung derEdda, mit der die Dänengeschichte Saxos fast in Wettbewerb treten kann.Und sein Werk ist eine Fundgrube von Stoffen für die Dichtkunst seit
1 Axel Olrik, Kilderne til Sakses Old- 3 p. 594, 33ff. Vgl. über ihn P. Herr-historie, Kop. 1892 und Kilderne ... Nor- mann 2,18ff.
röne Sagaer og danske Sagn. Kop. 1894 4 p. 583, 21 ff. "Vgl. Herrmann p. 21 f.nach P. Herrmann 2, 6. 6 p. 10, 6ff.
2 P. Herrmann 2, 15f. « p. 10, 20ff. 7 p. 285, 3ff.