D. Volks-, Dynasten-, Fürstengeschichten 441
spätestens ins folgende Jahr verlegt. 1 Die Gesta Normannorum ducum,über deren Verfasser wir nur durch OrdericusVitalis, und zwar auf das spär-lichste unterrichtet, sind dem, wie der Verfasser sagt, durch Gottes Willenzum Könige Englands gewordenen Wilhelm gewidmet. Und es war dem Ver-fasser wohl im wesentlichen darauf angekommen, die Rechtmäßigkeit vonWilhelms englischem Königtum darzutun 2 und zugleich die ruhmreicheGeschichte von dessen Vorfahren zu erzählen. Er teilt in der Vorrede mit,daß die ersten vier Bücher auf Dudos Normannengeschichte aufgebautsind und daß er sein Werk mehreren Schriften entnommen habe, und zwarsind dies nach J. Marx 3 Jordanis, Adrevalds Miracula s. Benedicti, Aimoinsvon St. Germain Miracula s. Germani, die Annales Rotomagenses und dieHistoria Francorum Senonensis. Dagegen gehört Wilhelm von Poitiersnicht unter die Quellen des Verfassers, sondern Wilhelm von Jumiegesist durch Wilhelm von Poitiers benutzt worden, wie J. Marx ausführlichdarlegte. 4 Weiter sagt der Verfasser im Vorwort, 5 daß er seinen Berichtvom fünften Buche an mündlicher Erzählung oder Autopsie verdanke.Dem sechsten Buche hat er ein eigenes Vorwort gegeben und er bemerkthierin, daß er nun über die Normannenherzöge seiner eigenen Zeit handelnwerde. Übrigens muß man auch seinem Werke den Vorwurf der Voreinge-nommenheit für den König Wilhelm machen, wie der Schrift des Wilhelmvon Poitiers. Und außerdem fehlt es doch bei ihm an einer sicheren Chrono-logie und die Exaktheit seiner Behauptungen läßt zu wünschen übrig. 6Dazu ist sein Stil trocken und nüchtern und sein Ausdruck leidet an häufi-gen Wiederholungen; doch ist andererseits die Form seines Werkes wegenihrer Kürze und wegen des Mangels an Phrasen zu loben. Übrigens hatWilhelm die in der Normandie zu jener Zeit nicht eben häufige Reimprosavielfach verwendet. Diese Geschichte der Normannenherzöge ist — außeram englischen Hofe — im eigenen Lande zu großem Ansehen gelangt undhat sogar die unübertreffliche Kirchengeschichte des Ordericus Vitalis ausdem Felde geschlagen. Denn ihre Einteilung nach den Regierungen dereinzelnen Herzöge machte sie sehr übersichtlich und die Teilung in Bücherund Kapitel in chronologischer Ordnung verlockte zur Interpolation desursprünglichen Textes, die sie denn auch in einem solchen Maße getroffenhat, wie wenig Geschichtswerke.
Schon der Verfasser selbst brachte zwei wenn auch kleine Erweiterungendes Textes an. 7 Weitere Zusätze machte man im Kloster zu St. Stephanin Caen, und zwar die sonderbare Geschichte des Philosophen Bernhard ausEtrurien, eingeschaltet zwischen 5, 13 und 14 8 sowie der ans Ende (nach7,21 und dem Epilog) gestellte Abschnitt De obitu Willelmi, 9 und Ein-schaltungen zwischen 6,8 und 9 und in 6,12. 10 Drei von diesen vier größeren
* J.Marx, Guülaume de Jumieges, Gesta 4 A.a.O. p. XVII ff.iNormannorum ducum. (Rouen u. Paris 6 Es ist der Widmungsbrief an König
i * p,XV - Wilhelm.
Als Endzweck bezeichnet er in der Vor- 6 Vgl. hierzu J.Marx a.a.O. p.XXf.rede (ed.Marx p.2) ut virtutes optimorum ' Lib. 7, 9 p.128 und im Epilog p. 143f.;
nrorum tum in secularibus tum in divinis vgl. die kritischen Noten.excelientissimae, quae feliciter in oculis dei 8 p.89ff.eiewil, utihter et in hominum notitia vivant. 9 p. 145ff.
3 A.a.O. p.XVIf. io p.ioöff. 112f.