424 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
nicht zum Opfer bringen wollen. Ferner liebt es Radulf, seine Erzählung durcheingestellte Sprichwörter zu beleben, wie er auch einmal ein angeblich vonder Jugend gesungenes Volkslied anführt. Endlich hat er eine besondereVorliebe für neugebildete Wörter, die freilich nicht immer dem lateinischenSprachgefühl entsprechend gebildet sind; jedenfalls hat er als Wortbildnerzu gelten.
Zeugnisse. Die Benutzung alter Dichter ist in der Ausgabe meist vermerkt, unbeach-tet blieb z. B. Prol. p. 604 pinguis ut aiunt Minerva Cic. de amic. 5,19.4 p. 608 C mortemomnia intentant Verg. Aen. 1, 91; viam gladio aperit Aen. 10, 864. 126, 6 p. 693 Nobile p'arfratrum Hör. Sat. 2, 3, 243. 132, 3 p.697 sua quemque voluptas Verg. Ecl. 2, 65; 132,21quod cuique repertum Aen. 7, 507. 146 p.709A partem exercitus . . . frumentatum mittitvgl. Caes. B. G. 4, 32, 1. 154 p.714B pleno cornu copia adest Hör. Epist. 1,12, 29. ZumWortspiel vgl. 88, 10 p. 668 Victas vincendae victrices vincere sanctae. Zum Sprichwort vgl.44 p. 639 vulgaris naenia... Qui habet habet, qui perdidit perdidit. 59 p. 650 B illud vulgi ...Quiprimus nascitur, primus pascitur. 75, 2 p. 660 vulgus ait: male servat qui bene stertit. 127 22p. 694 qua sua cuique Est prurigo gravis, prior illuc involat unguis. Zum Volkslied vgl. 61p. 651 C inde est quod adhuc puerorum decantat naenia: Franci ad bella, Provinciales ainc-tualia. Übrigens liebt Radulf den epischen Vergleich sowohl in Prosa wie Poesie anzu-bringen, vgl. 5 p.608 H. 10 p.612B. 22 p.622D. 27, 24ff. p.625. 31, 29—41 p.628. 3216ff. p.629. 87, 3f. p.667. 156 p.715D. Eine weitere Vorliebe hat er für Patronymica|wie er Tankred öfters Wiscardides oder Wiscardida, Wiscardigena oder Marchiside"s, Kö-nig Balduin I. von Jerusalem Eustachides 1 nennt und die Lothringer als Lotharidae be-zeichnet (85, 8 p. 666). Hieran schließen sich Bildungen wie Mahummicola (104 p.679E.124 p.692D. 133, 12 p.698. 141 p.705C) und Iherosolymipeta 103 p.679B. Diese beidenWörter sind Neubildungen, vgl. außerdem nexor 6 p. 609 E. retrosuadus 29, 21 p. 627 und91,10 p.670. extrahabens 85, 7 p.666. barbicana 2 47 p.641 A und 124 p.692B. inlropatere120 p. 689. remotiusculus und propiusculus 125 p.692G. quindeniforus 128, 15 p. 695. 3exclypeatus 133, 18 p.698. templalis 139 p. 703E. clavengus 149 p.710F. 4 Andere selteneWorte sind conquiniscens 112 p.685B aus Prise. 1, 508, 28f. und expultrix 118 p.688Baus Cic. Tuscul. 5, 2.
Zur Poesie vgl. die Rhetorik 27, 4ff. oder 133, 12f. Gereimte Verse sind nicht geradehäufig, dreifacher Reim 27, 5. Selten sind vier- oder fünfsilbige Ausgänge, ein siebensil-biger 132, 5. Ganz vereinzelt sind monosyllabische Ausgänge, dagegen treten Spondiacimehrfach auf. Jedenfalls sind die Verse nach guten Mustern gemacht.
Ueberlieferung im Bruxell.5373 s.XII, wahrscheinlich das Original. Ausgaben beiMartene, Thesaurus aneedotorum 3,108—210. Muratori, SS. rer. Italic. 5,285—333.Migne 155, 491—590. Recueil des hist. des croisades. Hist. oeeid. 3, 603—716. Vgl. Ha-genmeyer, Peter der Eremite S.10.112ff. 218.
5. ROBERTS VON ST. REMI KREUZZUGSGESCHICHTEUND VERSIFIKATION
Die umfängliche Historia Hierosolymitana, die dem Robert, Abt von St.Remi, beigelegt wird, ist ein unselbständigesWerk, da es fast ganz auf denGestaFrancorum und, nach S y b e 1, auf Gilos Kreuzzugsgedicht beruht und nur überAntiochia eigene Nachrichten besitzt. Die Verfasserschaft ist sehr zweifel-haft, wie Sybel dargelegt hat. Der Abt Robert von St. Remi wurde nämlichdurch Erzbischof Manasse von Reims abgesetzt, appellierte an Papst Urban II.und erhielt 1097 in Rom ein günstiges Urteil. Er ging darauf dem Kreuz-heere nach und war vielleicht bei der Eroberung Jerusalems zugegen.Dann erhielt er das Priorat zu Senuc, wo er seine Geschichte des Kreuz-zugs geschrieben haben müßte. Doch verlor er durch einen Spruch Calixts II.auch diese Stellung und starb im Jahre 1122. Der Verfasser nennt sichaber nur Mönch und nicht Abt und spricht von St. Remi und nicht von
1 Vgl. Recueil des hist. des crois. Hist. und obrutam callis barbicanam.
oeeid. 3, 1004. 961. 938. 3 Salomoniacae quindenijorum latus aulae.
2 exteriori muro quae barbicana vocatur i geminorum sarcina clavengorum.