422 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
Tankred angefeuert worden, denn keiner sei als Herr so gütig, freigebig undleutselig. Er habe die Arbeit nun unternommen, deren er keineswegs wür-dig sei, und er bitte den Leser daher um Entschuldigung. Und nun erstkommt die Widmung in der Vorrede: Er bittet seinen früheren LehrerArnulf, den jetzigen Patriarchen von Jerusalem, das Werk günstig aufzu-nehmen. Schon diese Vorrede zeigt die Vorzüge und die Schwächen vonRadulfs Stil, eine große Lebendigkeit, aber stärkstes Emporwuchern derRhetorik.
Zum Leben vgl. Martene, Thes. anecdot.3,108; Muratori, SS. rer. Italic. 5,285-H. Sybel, Gesch. des 1. Kreuzzuges 2 S.54ff. Im Vorwort der GestaTancredi (Recueil deshist. des crois. Hist. occid. 3, 603) heißt es von Tankred quo nullus fuit benignior dominus-von sich sagt er pinguis ut aiunt Minerva . . . a quo (sc. Christo) secundum elegite, Arnulfepatriarcha doctissime, doctorem qui paginae meae superflua reseces, rimas impleas, obscumillustres . . . Die mitgeteilten Worte gehen wohl nur auf Tankred zurück (p.603) Papae 1aiebant, quonam modo nos segnities perdit, cum priscis summa vatibus fuerit scribere volup-tos ? Et Uli quidem adinventiones fabulosas ordiuntur, militiae Christi victorias tacent ho-dierni, ignavum quidem pecus et fucis astruendi (aus Verg. Georg. 4,168 oder Aen.l, 435).Haec publice moventes specialiter in me nescio quo auspicio saepius visi sunt oculos retor-quere, ac si innuerent: Tibi loquimur, in te confidimus. Bei der Belagerung von Antiochiac. 57 p. 648 E kommt er auf ein Nordlicht zu sprechen, das er in seiner Jugend zu Caen sah.Vidi egomet Signum illud cum adhuc in palerna domo Cadumi adolcscentulus degerem non-dum mihi visa seu nota, nisi nomine tenus. Arnulf wird noch erwähnt von Radulf c. 106p. 680 F adito sapienti viro indicatori meo Arnulfo. Übrigens hat Radulf noch im Jahre1131 gelebt, da er von dem in diesem Jahre 2 eingetretenen Tode Boemunds des Jüngernspricht, c.71 p. 658 E quae nos in nece Boemundi iunioris vidimus completa. Zur Rhetorikvgl. p. 603 hinc nos antiquitas satiet, inde posteritatem satiati nutriamus egentes, oderp.604 non utique suscepto dignus sed quia digni dedignantur indignatus.
Gesta Tancredi. Das ausführliche Werk Radulfs scheint nach Sybelauf gelegentlichen Erzählungen des Fürsten an Radulf zu beruhen, ohnedaß der Fürst diesem die Abfassung eines solchen historischen Werkes je-mals aufgetragen hätte. So glaubt Sybel, daß nur einzelne zufällige Er-innerungen Tankreds die Grundlage bildeten und daß die Schrift aus lauterFragmenten besteht; daher seien einzelne Vorgänge und Charaktere weit-läufig ausgemalt, während wichtige Entwicklungen und ganze Zeitabschnitteauf das kürzeste behandelt würden. Der Inhalt des Werkes ist in kurzemfolgender: Im Eingang legt Radulf die Abstammung Tankreds und Boemundsdar, erzählt das Bündnis zwischen beiden Führern und kommt dann zumZuge der normannischen und italienischen Kreuzfahrer ins griechische Reich.Erdichtet ist natürlich der Brief des Kaisers Alexius an Boemund, der vonFreundschaft, Hochachtung und Ergebenheit überfließt und die bei Radulf sogewöhnliche Rhetorik voll besitzt. 3 Boemund leistet den Lehnseid, währendsich Tankred weigert. Es kommt zur Belagerung Nicäas, dabei zählt Ra-dulf die sämtlichen Führer des Kreuzzuges auf und erwähnt, daß Tankredhiervon allen Teilnehmern den ersten Türken 4 tötete. Undwenn Radulf c.l7f.Tankred und Alexius schön stilisierte Reden halten läßt, so sind diese natür-lich ebenso von ihm erfunden 5 wie alle späteren Reden und wie alle Brief e, die in
1 Ein bei Radulf sehr häufig erscheinen- ad te omnis populus suspirat. . . Hie palht,des Wort aus der römischen Komödie; hie aurum, hie te omnium manet affluentiudaher auch die Ausdrücke in c. 88, 4 p. 668 thesaurorum etc.
Evax ahahe vertuntur in attat et heu heu, 4 So heißen die islamitischen Feinde der
vgl. 26 p. 625 B. Christen hier überhaupt.
2 Nach Wilhelm von Tyrus 13, 27. 5 Das ergibt sich namentlich aus dem
3 c. 9 p. 611 D Ad te duces, ad te proceres, Exzerpt aus Aviani Fab. 5 in c.18 p.619r-