420 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
schließt am Ende einen Rhythmus von 84 Dreizehnsilbern auf Maria undJohannes an; die dritte Schrift ist asketischen und moralischen Inhaltsund gibt Anführungen 1 aus Ovid und Boethius.
Ausgabe der drei Schriften Migne 156, 489—528. 537—578. 579—608.
d) De pignoribus sanctorum. Diese Schrift in vier Büchern zählt zuden wichtigsten zeitgenössischen Werken innerhalb der dogmatischenTheologie. Sie ist dem Abt Odo von St. Symphorian in Metz gewidmet undwurde dadurch veranlaßt, daß man im Medarduskloster zu Metz angeblicheinen Zahn Christi besaß. Guibert entscheidet diese heikle Frage völligfrei und objektiv und bricht im ersten Buche mit der gewohnten Auffassungüber die Glaubwürdigkeit der Reliquien und ihrer Aufenthaltsorte; außer-dem verwirft er die Erhebung der Heiligengebeine aus den Gräbern. Sehrscharf greift er im dritten Buche den Glauben der Mönche von St.Medardus andaß sie nicht nur einen Zahn, sondern auch den Nabel von Christus besäßen.Er deckt ganz offen den frommen Betrug auf, der mit solchen Dingen ge-trieben wurde, und führt sogar die Wiederauferstehung des Fleisches alsGegenbeweis für die mögliche Echtheit vor. Und er läßt hier nicht locker,denn der gesunde Menschenverstand muß ihm dabei ebenso helfen, wieer dafür die ihm zu Gebote stehenden dialektischen und rhetorischenKunstmittel anwendet, wodurch die Darstellung einen höchst lebendigenCharakter annimmt. Im letzten Buche predigt Guibert dann weiter Ver-nunft, indem er die Bedeutung des innern Lebens für die Religiositäthervorhebt gegenüber den äußerlichen Vorgängen; die mit dem Kultus zu-sammenhängen.
Solcher Freimut, noch dazu schriftlich niedergelegt, war und blieb jeden-falls eine große Seltenheit, bis in Südfrankreich die Häresien ihr Hauptmächtiger erhoben; für den Beginn des 12. Jahrhunderts steht er jedenfallseinzig da und man kann den Mut des unerschrockenen Abtes nur loben.
Widmung (Migne 156, 607 D) Domino et patri s. Symphoriani abbati Odoni Guibertus. 1Ausgabe Migne 156, 607—684. A. Lefranc in Etudes du moyen äge dediees ä G.Monod p. 285—306.
e)De vita sua sive monodiarum libri tres. Auch diese Schrift, dienach G. Misch um 1115 verfaßt ist und sich ebenfalls durch Klarheit derGedanken und Schärfe des Urteils auszeichnet, ist ein wichtiges literarischesErzeugnis der Zeit. Im Anfang des ersten Buches wendet Guibert sichan Gott und dankt ihm für alle Wohltaten, die er ihm erwiesen, und beginntdann die Erzählung mit einem Loblied auf seine Mutter, die überhauptoft im Mittelpunkte der Erzählung steht; hier wird sie gepriesen, daß siedie schwere Geburt so glücklich überstand. Der Knabe wurde der Mariageweiht und Guibert berichtet dann über seine Bildung, über die Seltenheittüchtiger Grammatiker und über seinen Eintritt in den geistlichen Stand.Dann läßt er sich ziemlich breit über die verheirateten Priester aus und er-zählt allerhand Vorkommnisse innerhalb der französischen Kirche. Interes-sant sind namentlich seine Auslassungen über Bruno, den Begründer desKarthäuserordens, sowie über die Orden überhaupt. Es folgen Angaben
1 2 (Migne 156, 582B) Ov. Met. 1, 85f. 2 Horaz wird angeführt 1,3 col.622CEp.15 col. 603 A Boeth. c. ph. 3 metr. 7, 1 f. 2, 1, 117. 3,1 col. 654B A.P. 88.