B. Reichs-, Länder-, Zeitgeschichten 403
3. BERTHOLD VON REICHENAU
Berthold war als Mönch in Reichenau Hörer und Schüler Hermanns, desberühmten Lehrers, der ihm vor seinem Ende seine Vision von Ciceros Hor-tensius erzählte. Wir verdanken Berthold einen Lebensabriß des großenGelehrten mit Einfügung seiner hauptsächlichsten Werke und mit ausführ-licher Darstellung seines Todes. Diese Vita Herimanni, die vom Anon.Mellicensis ausdrücklich erwähnt wird, stellte Berthold an die Spitze seinerChronik. Eine solche wird ihm nämlich von dem gleichen Verfasser zuge-schrieben und ist auch durch Aufschriften der Compilatio Sanblasiana undder Weltchronik von Muri bekannt. Er war Schwabe von Geburt und scheint,während er die Teile seiner Chronik schrieb, die vom Kirchenstreit handeln,sowohl bei römischen Synoden wie im Lager von Heinrichs IV. Feinden zu-gegen gewesen zu sein, da er sich hierüber mit großer Breite ausläßt. Sonstist über sein Leben nichts bekannt, außer daß Bernold in seiner Chronik be-richtet, er sei 1088 in senectute bona plenus dierum 1 gestorben.
Seine Chronik ist vollständig überhaupt nicht mehr vorhanden und wirdnur noch in einem verkürzten Bruchstück und in Auszügen aus den späterenAbschnitten überliefert, die in andere umfangreichere Werke übergegangensind, nämlich in Kompilationen des Druckes von Sichar d und in der Com-pilatio Sanblasiana. Danach ergibt sich Folgendes. Berthold hat die Chronikseines Lehrers Hermann fortgesetzt, 2 dessen Leben er an die Spitze seinerArbeit stellte. Er schrieb zunächst eine kurze Reichsgeschichte seit 1055,in der allerdings Todesfälle von Päpsten, Bischöfen und Herzogen, sowieWitterungserscheinungen die größte Rolle spielen. Auch für Nikolaus ILweiß er nichts weiter zu erwähnen, nur bucht er die zwiespältige Papstwahlzwischen Cadaloh und Anselm von Lucca. Von 1064 an verzeichnet er dasFestitinerar (Weihnachten und Ostern) des Königs, die Vorliebe für Him-melserscheinungen bleibt. Seit 1067 erscheinen aber Berichte über Simonieund Priesterehe und 1068 liest man Verdächtigungen gegen den König in be-zug auf seine eheliche Treue. Im folgenden Jahre eifert Berthold kräftiggegen die Simonie und von 1070 an werden die Schäden offen aufgedeckt,die in der deutschen Kirche wie im Staat durch die Feindschaft des Königsgegen die Sachsen und durch die am Hofe herrschende Simonie entstanden.Dagegen fehlt eine eigentliche Reichsgeschichte, man hört von Neube-setzungen erledigter Bistümer und Abteien, vom Verhältnis Heinrichs zurKirche, von der Politik des Papstes und vom sächsischen Aufstand. Von1075 an wird nun aber der Kampf des Königs mit dem Papste auf breitesterGrundlage erzählt und besonders ausführlicher Bericht über die bischöflichenSynoden sowie über Canossa gegeben. Dabei kommt die Reichsgeschichtenun wirklich ganz zum Durchbruch, allerdings mit großen Abschweifungenund mit solchem Wortschwall, daß man eigentlich kaum annehmen kann,daß diese letzten Jahre von 1076 bis 1080 von dem früheren Verfasser dar-gestellt sind. Hier zeigt sich der Verfasser auffallend gut unterrichtet sowohlüber die Schreiben Gregors nach Deutschland, wie über die Verhandlungender Feinde des Königs. Mitten im Jahre 1080 bricht die Erzählung ab. Aller-
1 Nach Gen. 25, 8. 268, 10) Libellum hunc chronicorum . ..
Das geht aus den Worten (MG. SS. 6, collegit hervor.
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