394 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
wenigstens beim Speculum regum, daß es auch in den Schulen gelesenwerden könne. Ist das wirklich geschehen — und unmöglich ist es nichtda sogar ein Kommentar dazu existiert —, so ist es eigentlich zu bedauern'denn wahllos ist Gotfrid mit seinen Quellen verfahren, so daß er im Pantheoneine nicht geringe Anzahl Fabeln statt Geschichte auftischt, wie vor allemdie Erzählung von einem Kreuzzuge Karls des Großen. Diese Fabeln wurdenaber von späteren Geschichtschreibern ruhig übernommen, und so sind seineWerke bei ihrer ziemlich großen Verbreitung von schädlichem Einfluß fürdie Geschichtsauffasssung gewesen. Über die Formgebung der SchriftenGotfrids ist zu bemerken, daß er in einigen Werken mit Prosa und Poesiewechselt, andere wieder ganz in Versen geschrieben sind. Seine Verse setzter aber in Strophen zusammen, so daß zwei Hexameter mit einem Penta-meter verbunden sind. Nur die Gesta Heinrici VI. sind in rhythmisch rechtnachlässigen Vagantenstrophen gedichtet, aber sie gehören ihm wohl garnicht an.
a) Speculum regum. Dies in Versen geschriebene Werk wendet sichan den jungen König Heinrich, ist gegen 1180 begonnen und will die Genea-logie sämtlicher Könige und Kaiser der Trojaner, 1 Römer und Deutschenbehandeln. Die weiterhin angekündigten Gesta Friderici fehlen völlig undwurden für spätere Zeiten aufgespart. Das Gedicht zerfällt in zwei Büchervon 674 und 779 Versen, 2 und vorangestellt ist ein aus dem Liber pontificalisgenommener Papstkatalog. Das erste Buch reicht von der Sintflut bis aufTarquinius Superbus und richtet sich an Heinrich VI., dessen Zusammen-hang mit den älteren Königen in 1, 2 veranschaulicht wird; es ist, wie Got-frid selbst sagt, auf Beda, Eusebius und Ambrosius aufgebaut. Das zweitehandelt von der Abkunft und dem Ursprung der deutschen und fränkischenKönige, wie sie von Troja kamen, und geht bis Karls des Großen Geburt;gearbeitet ist es nach dem Liber hist. Francorum, Aurelius Victor, Orosiusund besonders der Chronik Isidors, auch Hieronymus und Jordanis sindbenutzt, 3 sowie Vs. 861 eine sibyllinische Weissagung. Es erstreckt sich vonPriamus auf die Franken, Caesar und Augustus, nennt alle römischen Kaiserbis auf Justinus Minor und zählt die Frankenkönige bis auf Pippin auf,der gemäß der Sage den Beinamen Nanus erhält. Zu diesem völlig unselb-ständigen Abriß über die alte Geschichte findet sich nun auch eine sehrweitschichtige Erklärung, die zum Teil abstrus ist und nur wegen der darinverwendeten Quellen einiges Interesse besitzt. Benutzt sind nämlich darinValerius Maximus, 4 Ovid, des Servius Aeneiskommentar, Hygins Fabeln (?),Solin, Dares Phrygius, die Historia miscella, die Mirabilia Romae, der Liberde ortu Pilati und (p. 34, 26ff.) die Gesta Treverorum mit völlig fabel-hafter Weiterbildung. Schon diese Blütenlese von Quellen läßt daraufschließen, mit welchem Vertrauen man an die Erklärungen herangehen kann.Als Beispiel diene: zu Vs. 624 Tales Vixit ulimpiades ter deciesque paresgibt der Kommentar die'Erklärung 5 Etiam isto tempore vixit Ulimpiades,
1 Wegen der angeblichen Abstammung 3 Vers 836 wird Lucan genannt.
der Franken von den Trojanern. 4 Zu p. 34,18 ff. Val. Max. 9, 3 extr. 4.
2 Sie werden in der Ausgabe von Waitz 5 p. 59, 28; vgl. Waitz p. 4 n. 43.weitergezählt.