380 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
tragung des Reichs auf die Franken, mit Otto I. auf die Deutschen bemerktwird.
Das achte und letzte Buch des Werkes blieb bisher unberücksichtigt daes nicht eigentlich Geschichte bietet, sondern einem kirchlich-theologischenja philosophischen Zwecke dient. Es erhebt sich über die Zeit und ist voll-kommen eschatologisch. Im Prologe handelt Otto erst über die drei Zeitendes Gottesstaats, den er der Kirche gleichsetzt, 1 und dann über die dreiZeiten des Weltstaates primus ante gratiam, secundus tempore gratiae . .tercius post presentem vitam. Über die beiden ersten Zeiten habe er in seinerGeschichte genug gehandelt, über die dritte werde er nun im achten Buchesprechen. Da aber vor dem völligen Zusammenbruch des Weltstaates derAntichrist erscheinen werde, so sei es nötig, über diesen nach den zuver-lässigsten Büchern zu berichten. Den Einwand, daß dies vielleicht als un-nützes Beginnen erscheinen werde, weist er mit dem Vorgange Augustinsund der biblischen Bücher ab.
Nach Erklärung des Wortes Antichrist, dessen Beziehung auf Nero oderauf den Teufel in Geltung war, bespricht er die seiner Ankunft in der Weltvorausgehenden letzten Zeiten, dann die Ankunft selbst, den ihr folgendenWeltbrand und die Auferstehung. Hierauf folgt eine Darstellung des Welt-gerichts, und die beiden letzten Teile behandeln das Ende des Weltstaatesund das Ende des Gottesstaates. 2 Den Hauptstoff und die führenden Ge-danken bot ihm Augustin und aus der zeitgenössischen Literatur schloß ersich namentlich an Hugo von St. Viktor an, der ihm in seiner Erklärungzu der von Johannes Scottus übersetzten Caelestis hierarchia des Pseudo-Dionysius 3 und auch in anderen Schriften reichen Stoff bot; daneben be-nutzte er Gilbertus Porretanus und wahrscheinlich auch das Werk Adsosüber den Antichrist. Vielleicht waren ihm auch Honorius Augustodunensisund die Glossa ordinaria zur Bibel bekannt, da er sich daran anzulehnenscheint. Verfaßt ist das achte Buch zu Ostern 1146, wie die Vorrede zumachten Kapitel erweist. 4
Das ganze Werk hatte er auf Bitten seines Freundes Isingrim, der wohlMönch in Augsburg war und 1145 zum Abt in Ottenbeuern befördert wurde,zu schreiben unternommen und seinem Kaplan Rahewin diktiert. In dieserGestalt ist es aber nicht erhalten. Elf Jahre später nämlich hatte KaiserFriedrich seinen Oheim Otto um dessen Werk gebeten und erhielt es durchden Abt Raboto von St. Stephan zu Freising und den Kaplan Rahewin.Zugleich sandte Otto an seinen kaiserlichen Neffen einen Brief, in dem erseiner Freude darüber Ausdruck gibt, daß Friedrich sein Buch von der Ver-änderung der Dinge lesen wolle, und ihn allerdings darauf aufmerksam macht,daß er diese an eine Tragödie mahnende Darstellung in der Betrübnis seinerSeele geschrieben habe. Um aber etwaigen Mißverständnissen des Kaisersbezüglich des Inhalts vorzubeugen, wandte sich Otto zugleich in einem Briefe
1 p. 390, 6 qu.am.diu bonos et malos in uno Geschichtsphilosoph und Kirchenpolitikergremio jovere dicitur . . . cum solos bonos in S. 13 ff.
superni sinus gloria servabit. . . antequam 3 Er verwechselt übrigens die Übersetzung
plenitudo gentium introiret sub principibus mit der Erklärung 8, 31p.447, 2ff.
gentium vivens. 4 Vgl. p. 400, 28.
2 Vgl. J. Hashagen, Otto v. Freising als