324 Dritter Abschnitt. Die Geschichtschreibung
besondere Neigung zur Philosophie verrät und die freien Künste fast garnicht berührt werden, so läßt sich in ihnen doch ein außerordentlich regesStudium der Schriftsteller überall erkennen, die damals in der Schule ge-lesen wurden.
a) Vita s. Lulli episcopi. Dies Werk ist innerhalb der Jahre 1063und 1073 geschrieben und läßt gleich anfangs erkennen, daß es dem Ver-fasser nicht darauf ankam, ein geschichtlich treues Bild vom Leben desNachfolgers des h. Bonifatius zu verfassen, sondern ihn als Bibelkennerund Asketen hinzustellen. Er stützt sich in diesem sehr umfänglichen Be-richte auf Willibalds und Otlohs Leben des Bonifatius, sowie auf dessenMainzer Passio, auf Eigils Leben des Sturm, auf Rudolf von Fuldas Lebender h. Lioba und auf das Leben Wigberts von Lupus. Ferner benutzt erEinharts Vita Karoli und Reginos Chronik, endlich zwei Urkunden Karlsdes Großen. Außerdem verwendet er sehr reichlich das Leben Martins vonTours von Sulpicius Severus. Aber seine Benutzung der ihm vorliegendenQuellen ist eine höchst bedenkliche, wie Holder-Egger klar dargelegthat. 1 Er liest nämlich das aus, was zum Ruhme seines Helden dient, läßtanderes hinweg, verändert die vorliegenden Tatsachen, wie es ihm paßt,und dichtet ruhig hinzu. Es ist ihm so gelungen, aus den wenigen und spär-lichen Berichten der Quellen mit großer stilistischer Kunst ein Lebensbildzusammenzusetzen, das durch seine reiche pragmatische Erzählung über-rascht und beim Leser einen bedeutenden Eindruck hinterläßt. Mit Hilfeder Überlieferung läßt sich sogar genau verfolgen, wie er gearbeitet undwelche Zwecke er mit seiner Arbeit verbunden hat. Die Maihinger Hand-schrift stellt nämlich sein Autograph dar und in dieser befinden sich anmehreren Stellen Zeichen, die für kleine Einlagen mit nachträglichen Ver-änderungen bestimmt waren. Diese sind in der Handschrift verschwunden,dagegen besitzt diese Nachträge die Erlanger Handschrift, der aber dieSchlußkapitel (19 bis 27) fehlen. 2 Da in den Schlußkapiteln Dinge gesagtwerden, die den Fulder Mönchen abträglich sind, so ergibt sich, daß dieErlanger Überlieferung Abschrift einer Vorlage ist, die von Lampert für dasKloster Fulda genommen wurde.
b) Libellus de institutione Herveldensis ecclesiae. Den Hersfel-der Mönchen mag das Leben Luis gefallen haben und daher wohl veran-laßte ihn der Mönch Hartwig, die Geschichte des Klosters zu schreiben.Damals war Ruthard Abt, dem Lampert in seinen Annalen nicht eben gün-stig gesinnt ist. Dieser legte 1072 sein Amt nieder, und Hartwig wurde jetztzum Abt erhoben. Bald darauf, wohl im Jahre 1073, versuchte sich Lampertauf öftere Ermahnung Hartwigs in der Geschichte seines Klosters. Den Aus-schlag gab, wie er selbst sagt, die Geschichtsdarstellung eines Fulder Abtes,die er kennen gelernt hatte. So wagte es Lampert, die neueren Verhältnissedes Klosters Hersfeld in einem Epos darzustellen. Aber er hatte damit keinGlück, denn man warf ihm vor, daß er in seinen Versen vieles der Wahr-heit entgegen geschrieben habe. Deshalb machte er sich 1074 an eine Ge-
1 Lamperti monachi Hersfeld, opera p. 2 Zu den Schlußkapiteln vgl. Holder-XXVIff. Egger, Neues Archiv 19, 509ff.