E. Briefe und Brieflehren 311
Deutschland gemacht und dabei sind viele deutsche Namen an Stelle derfranzösischen eingesetzt worden, und zwar ist das am Oberrhein und inÖsterreich geschehen. Diese Kopie ist 1284—1290 fertig gewesen und siewar damals in den Händen eines Beamten der Salzburger oder der könig-lichen Kanzlei. Wir finden hier nun keine Theorie des Briefstils, sondern alleindie Sammlung der Musterbriefe, die sonst meist nur den Anhang bildet. Sodiente die Sammlung nicht allein der Arbeit, sondern sie wurde auch wegenihres Inhalts gelesen. Auch diese Briefe bezeugen, daß man an ihnen zu-nächst allgemeine Wahrheiten erweisen wollte; erst dann kam man zureigentlichen Veranlassung des Schreibens, zur sachlichen Ausführung. 1 Sohat ein logisch geschulter Verfasser die Briefe geschrieben und diese dientenzur praktischen Betätigung der formalen Logik. Der Verfasser knüpft anallgemein bekannte Ereignisse an und umgibt diese mit einer Hülle vonRedeschmuck. Die Ausbeute an neuen historischen Tatsachen ist nicht sehrgroß, der Wert der Briefe beruht mehr in ihrer Vollständigkeit, sie sind zahl-reich 2 und mannigfaltig; zu den Briefen kommen aber öffentliche und privateUrkunden jeder Art. Man erhält hieraus eine gute Übersicht darüber, wasam Ende des 13. Jahrhunderts, wo die Blüte der Ars dictandi längst vorüberwar, der weiteren Überlieferung für würdig gehalten wurde. Bei der Zusam-menstellung sind mehrere Werke benutzt worden, aber es ist nicht allesZusammengehörige vereinigt und die Anordnung der Stücke ist nicht strengnach dem Inhalte durchgeführt. Zuerst finden sich kirchliche Briefe, dannsolche und Urkunden mit sehr verschiedenem Inhalt; davon sind geschicht-lich wichtig die politischen, privat- und verfassungsrechtlichen Schrift-stücke. Gegen Ende der Handschrift gewinnen aber die Stücke an kultur-historischem Interesse, indem hier das Leben der Magister und Scholaren,überhaupt das Universitätsleben im Vordergrunde steht.
Ueberlief erung im Donauesching. 910 s. XIII ex., 56 Blätter, beschrieben vonA. Cartellieri S.VII f. Angabe des Inhalts in kurzen Regesten und wenigen Abdruckenvon A. Cartellieri, Ein Donaueschinger Briefsteller, Innsbruck 1898, S. 3—66. ZumInhalt daselbst S. XX f.
13. JOHANNES VON TILBURY
Im Anhang zu den Summae dictaminum sei hier Johannes von Tilburygenannt, der, Engländer von Geburt, Lehrer der Theologie in Oxford unddann Prediger in London war und vielleicht Bischof wurde. Sein Haupt-wirken fällt in die Zeit Richards L, doch ist er, wenn Rose die Ars notariaAristotelis ihm mit Recht beigelegt hat, schon unter Heinrich IL literarischtätig gewesen. Wir besitzen nämlich in einem längeren Briefe aus demJahr 1174/75 an einen hohen Geistlichen den Auszug, den der Verfassereiner Stenographie zur Kenntnisnahme seines Werkes diesem übermittelte.Er teilt hierin mit, daß er schon drei Bücher über seinen Stoff geschriebenhabe, nämlich zwei Bücher theoretischen Inhalts, als Gespräch zwischenNotarius und Amicus, und ein drittes praktischen Gepräges, das das Noten-lexikon enthielt. In diesem Briefe gibt er eine Einleitung aus dem Stoffedes ersten Buches und hebt dann sieben Kapitel aus dem zweiten Buche
1 Y? 1 - A - Cartellieri, Ein Donaueschinger Briefsteller, Innsbruck 1898 S. XVI.JJie Gesamtzahl der Stücke beträgt 304.