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3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
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E. Briefe und Brieflehren . 301

dictaminis oder seine Anleitung zum Briefstil, welche das älteste Werk aufdiesem Gebiete gewesen zu sein scheint.

Außer den eigentlichen Briefsammlungen berühmter Männer wie Cassio-dor und Gregor I. hatte man längst sogenannte Formelsammlungen ange-legt in denen Briefe, des persönlichen Moments entkleidet, zusammenge-stellt wurden, um als Muster für ähnliche Fälle zu dienen. Solche Sammlun-gen dienten dem praktischen Bedürfnis. Namentlich in den Schulen der lom-bardischen Bischofsstädte wurden aber Studien betrieben, die auf eine mehrwissenschaftliche Behandlung solcher Dinge hinausliefen. Denn hier wardas Altertum noch insofern rege, als sich auf dem Studium des Triviumsdie praktische Ausbildung des Sachwalters aufbauen mußte, der als Nach-folger des römischen Iuristen keine geringe Bolle spielte. Und weiter leben-dig blieb das Altertum in gewissem Sinne in der päpstlichen Kanzlei, diesich nach und nach zu einem Briefstil durchgerungen hatte, der in derchristlichen Welt des Abendlandes als das Muster des Geschäftsstiles galt.Es ist daher kein Zufall, daß gerade in Italien zuerst die systematischeBehandlung des Briefstils einsetzte. Alberich von Monte Cassino ist dererste bekannte Kleriker, der einen Liber dictaminum verfaßte, bei welchemAusdruck das Wort dictamen 1 als die kunstreiche Anwendung des Briefstilsund überhaupt des literarischen Stils zu verstehen ist. Ein solches Hilfs-buch sollte die Erläuterungen geben, die beim Abfassen von Briefen not-wendig waren, und es wurde später gewöhnlich einer Mustersammlungvon Briefen vorangestellt, aus der man sich im gegebenen Falle praktischsofort Rat holen konnte. Alberich hat nun als Lehrer in Monte Cassinoein solches Hilfsbuch verfaßt.

a) Liber dictaminum et salutationum. Alberich scheint sein Werkin drei Teile zerlegt zu haben, nämlich in die Rationes dictandi 2 in zwei Bü-chern, in die Rhetorici flores und in das Breviarium de dictamine. Nacheinem kurzen Vorwort, in dem er bittet, seine Schrift nicht zu tadeln oderzu verachten, geht er auf den Begriff dictamen ein, den er metrisch, rhyth-misch und prosaisch einteilt und definiert, dann auf den Begriff des Briefes.Zum Briefe sei fünferlei notwendig, die salutatio, die benivolentie captatio,die narratio, petitio und conclusio. Dann geht er auf die Begrüßungsformelnäher ein und bespricht im Zusammenhang hiermit die stehenden Formelnbei Briefen der Kaiser, Päpste, Bischöfe, Prälaten, Fürsten und Privat-personen sowie der Söhne an die Eltern und kommt endlich auf Besonder-heiten bei bestimmten Namen zu sprechen. Viel kürzer werden die vierübrigen Teile des Briefes behandelt und dabei auf Ciceros Rhetorik Bezuggenommen. 3 Hieran schließen sich die Fälle, wo ein Teil fehlen kann undwo die einzelnen Teile in andrer Beihe folgen, und endlich handelt der Ver-fasser über die constitutio und variatio epistole. Das zweite Buch des erstenTeils bespricht die assumtio materiae, mit besonderer Berücksichtigung der

1 dictare bedeutet kunstmäßig schreiben, (Greifswald 1908) S. 17 f.

der Schreiber selbst heißt dictator; das 3 Quellen z. bayer. u. deutschen Geschichte

Wort wird meist vom Brief- oder Urkun- Bd. 9, 1, 19 eo videlicet ordine quo Tullius

denschreiben gebraucht. in rethoricis insinuat (= L. Rockinger,

S=ie werden ihm abgesprochen von Adolf Briefsteller und Formelbücher des 11. bis

autow Die Entwicklung der mittelalt. 14. Jahrhunderts. I).Briefsteller bis zur Mitte des 12. Jahrh.