282 Zweiter Abschnitt. Die Artes
andern den Jüngling aus der Todesnot befreien, geht der siebente zum Königund bittet ihn, Klugheit walten zu lassen. Zu diesem Behufe erzählt er demKönig zwei Geschichten von der Klugheit der Frauen. Doch die Königinkommt und erinnert ihn an den Vollzug des Befehls, indem sie ebenfalls eineGeschichte erzählt. Und das setzt sich dann fort, indem jeder von den Weisenzwei Erzählungen und die Königin darauf eine dritte bietet, doch so, daß nachder zweiten Geschichte des sechsten Weisen die Königin den Ausgang ahntund sich in den Strom stürzt, aber gerettet wird. 1 Nach sieben Tagen ist nundas Gelübde des Sohnes erfüllt und er fängt an zu reden und erzählt demVater ebenfalls eine Geschichte. Darauf berichtet er, daß die Königin ihnhabe töten wollen, da er nicht auf den Ehebruch mit ihr eingegangen sei.Sonderbar ist der Schluß: Die Königin leugnet alles und überträgt ihre Sachedem Kaiser, doch der Sohn schlägt einen Zweikampf vor, der Bruder derKönigin ergreift deren Partei, wird aber vom Sohne besiegt und der Kaiserspricht der Königin das Urteil: sie wird dem Feuertod überliefert. — DieSprache dieser Übersetzung ist außerordentlich unbeholfen und hölzern;dem Übersetzer fehlte jede Gewandtheit und er schreibt das beste Latein,wenn er Anklänge an die Vulgata bringt. Namentlich ist die Stilistik hartund unschön, während der Wortschatz durch seine häufigen Gallizismen aufFrankreich hinweist. Die gegebenen Erzählungen schließen sich übrigensnicht eng dem hebräischen Original an 2 und Anlehnungen sowie Hinwei-sungen auf alte Autoren fehlen gänzlich. So scheint es, daß die Übersetzungaus jüdischen Kreisen stammt und im 12. oder 13. Jahrhundert in Frank-reich entstanden ist.
Zeugnisse. Daß die Historia am Anfang unvollständig ist, zeigt der Eingang Füllquidam rex qui convocatis Septem sapientibus filium suum coram eis aduxit et erudiendumtradidit. Ganz westlich beeinflußt ist der Schluß, vgl. Hilka p. XXI, und Hilkameint,daß die Uebersetzung eine lateinische Zwischenstufe zwischen Orient und Okzidentdarstellt. Zum Latein vgl. p. 2, 9 et non erat cum eis excepto uno; 2, 22 et cognovit quoisi puer loqueretur usque ad VII dies, quod mori deberet. 3, 16 vociferatus est vociferationemagna. Die Sprache erscheint so, als ob dem Uebersetzer der Zusammenhang der la-teinischen Sprache nicht recht geläufig gewesen wäre und er mehr Wort für Wortübersetzt hätte. Gallizismen 3 9, 5 ascultare; 31, 7 damicella; 12, 9 elongari etc. Ueber-lieferung im Berol. lat. qu. 618f.ll8—135. Ausgabe von A. Hilka, Historia Septem sa-pientum. I. Heidelberg 1912. Ausgaben der hebräischen Vorlage vgl. Steinschneider,Die hebr. Uebersetzungen d. Mittelalters 2, 888 §538 und Hilka p. 13f. Zum TexteHilkas gab kritische Nachträge K. Strecker, Zeitschr. f. deutsch. Altertum 63, 119f.
8. ANDREAS CAPELLANUS
Andreas, der Kaplan des Königs von Frankreich, hat nach A. Steinerzwischen 1174 und 1186 sein großes Werk De amore verfaßt. Er nennt darinals Zeugen die Königin Eleonora von England, die erst Königin von Frank-reich war, deren Tochter die Gräfin Maria von Champagne, von der ein Briefvom 1. Mai 1174 eingelegt wird, und die Vizegräfin Ermengard (Mengard)von Narbonne; auch die Gräfin von Flandern wird zweimal erwähnt. Da nun
1 Es fehlt hier in dieser Version an der erst aus 17 p. 26, 17 f. hervor, daß die
Motivierung für das Handeln der Königin, Geschichte in Indien spielt, vgl. hierzu
denn die Worte 2 p. 8, 9—14, 5 p. 11, 24, Hilka p. XVIII.
11 p. 19, 18 und 15 p. 23, 26f. sind doch 2 Vgl. Hilka p. XVIff.
nicht ausschlaggebend, wie die sichere Be- 3 Es finden sich auch andere Romanismen,
gründung im Dolopathos. Uebrigens geht vgl. das Glossarium bei Hilka p. 33 ff.