D. Novelle, Archäologie, Memorabilia, Staatsschriften 279
wird aber von starker Leidenschaft zu ihm ergriffen. Lucinius stößt sievon sich, da er sie für wahnsinnig hält. Da rät ihr eine ihrer Jungfrauen, denSpieß umzukehren und den Stiefsohn anzuklagen, daß er ihre Ehre habe an-tasten wollen. Mit zerrauftem Haar und zerkratztem Gesicht tritt die Königinvor ihren Gemahl und beschuldigt den Sohn, der Vater gerät außer sich undman findet schließlich den Feuertod als Strafe für ein solches Verbrechen.
Lucinius bleibt völlig heiter dabei und am nächsten Morgen wird eingroßer Scheiterhaufen errichtet, doch niemand wagt es, den Königssohnins Feuer zu werfen. Da erscheint ein alter Mann, einer von den SiebenWeisen in Rom. Er erzählt, um den König von vorschnellem Handeln abzu-bringen, die Geschichte 1 von dem Hunde, der die Schlange umbrachte, alsdiese das Kind in der Wiege töten wollte. Er bittet den König um einen TagAufschub und am nächsten Tage wiederholt sich die Szene und ein zweiterWeiser erzählt die Geschichte vom Schatze des Rhampsinit. Am drittenTage berichtet ein dritter Weiser die Geschichte von dem Greise, der zuZeiten höchster Not zwar dem Tode verfallen war, aber von seinem Sohnein eine Höhle gerettet wurde und von hier aus für den Staat die bestenRatschläge erteilte, so daß er schließlich zum König erhoben wurde. Amnächsten Tage erscheint der vierte Weise, der mit seiner Erzählung den glei-chen Zweck verfolgt, wie seine Vorgänger: Ein vornehmer Reicher hatteeine Tochter, die neben den Wissenschaften auch die Zauberei erlernte. Nachdem Tode des Vaters richtete sie gegen alle Freier ihre zauberischen Künste,bis es einem Jüngling durch Klugheit glückte, ihre Listen zu besiegen. Dochhatte der Jüngling bei einem Sklaven hundert Mark Silbers geliehen unterder Bedingung, daß der Sklave bei NichtZurückzahlung das Recht habensolle, ihm das gleiche Gewicht an Fleisch und Knochen aus seinem Körperzu schneiden. 2 Hierbei hilft ihm aber seine zauberkundige Frau und erkommt glücklich aus dem bösen Handel.
Der fünfte Weise erzählt vom Sohne einer Witwe, der für die Tötung einerHenne den Habicht des Königssohnes erschlug und nun von diesem getötetwurde; die Witwe aber nahm an seiner Stelle den Prinzen als Sohn an, stattdaß sie auf seinen Tod drang. Als der sechste Weise kommt, meint er, daßder Sohn falsch angeschuldigt sei und erzählt als Warnung für den Königdie Geschichte von den Söhnen des Räubers, in welche die Historie vonPolyphem eingelegt ist und zwar ziemlich ähnlich mit der Odyssee. Der sie-bente Weise gibt gleichem Verdachte Raum und meint, daß wahrschein-lich die Königin und ihre Mädchen von Liebe zu Lucinius ergriffen aber vonihm abgewiesen worden seien, und erzählt dann sehr ausführlich die Sagevom Schwanenritter. Doch die Königin weiß listig den Zorn des Gemahlsaufs neue zu entflammen, und eben soll Lucinius auf den Scheiterhaufengebracht werden, als Vergil auf einem Vogel durch die Lüfte heranfliegtund verbietet, daß ein Schuldloser Strafe erleide. Er erzählt dann, wie einPhilosoph durch sein Weib mittels eines Brunnens getäuscht wurde. 3 Nun
1 Zu den Geschichten, die hier erzählt 2 Vgl. Simrock, Quellen des Shake-
werden, vgl. V.Chauvin, Bibliographie speare 2 1, 213ff. (Shylock).
des oujrages arabes (Lüttich 1904) 8, 30f. 3 p. 88, 22 que in libro aureolo ponit Theo-
und K. Campbell, The seven Sages of phrastus mulieris impedimenta bezieht sich
Korne, Boston 1907. . jedenfalls auf Theophr. de nuptiis.