272 Zweiter Abschnitt. Die Artes
pravitate seculi 1 und De avaritia et luxuria mundi. Auch De mundi cupiditateatmet ähnlichen Geist, wie die vorhergehenden Gedichte und wendet sichauch gegen die Kurie und weltliche Höfe. 2 Einige dieser Stücke stammen ausWalter von Chatillons zweiter Sammlung (W) und werden dort vorgeführt.
X,) Einige weitere Stücke befassen sich mit dem Coelibat und lassen deut-lich erkennen, daß es mit dessen Durchführung in England schlecht bestelltwar. Das Gedicht De concubinis sacerdotum verlangt geradezu die Ehe fürdie Geistlichen und sucht aus dem Alten wie dem Neuen Testament zu er-weisen, daß die Ehelosigkeit nicht zu Recht besteht. Der Eingang Priscianiregula penitus cassatur, sacerdos per hie et hec olim declinatur: sed per hiesolummodo nunc articulatur läßt mit seinem Witze schon schließen auf dieviel schärferen Worte Vs. 21 Ita quidam presbiler cepit allegare: Peccatcriminaliter, qui vult separare, quos deusconiunxerat, feminam amare.. .hocRomane pontifex, statuisti prave. Bedenklicher ist das zweite Gedicht Con-sultatio sacerdotum. Die Kanoniker eines Stiftes und zwanzig Geistlichesitzen zu Gericht über die Forderung des Coelibats und jeder spricht seineMeinung darüber aus, und zwar mit einstimmigem Verdikt. Zuletzt äußertsich ein Predigermönch 3 im gleichen Sinne, zumal da ein Papst mit seinereignen Schwester einen Sohn gezeugt habe. Am Schluß werden für diePriester je zwei Geliebte, für Mönche und Kanoniker zwei oder drei, fürDekane und Prälaten je vier oder fünf gefordert, um die göttliche Vorschrift,daß sich die Menschen mehren sollen, besser zu erfüllen. Auf ähnlicherGrundlage beruht ein drittes Gedicht De convocatione sacerdotum. Ein päpst-licher Legat ist gekommen, um die Coelibatsverordnung gründlich einzu-schärfen. An zehntausend Geistliche kommen auf einer großen Wiese zu-sammen und viele Stimmen 4 werden für die Beibehaltung der Ehe laut;das Gedicht bricht aber vorzeitig in der Handschrift ab. Eine weitere scharfeSatire enthält N. 35 De visitatione abbatis, wo der Abt eines seiner Klöstervisitiert, aber nur das nebensächlichste bemerkt, 5 da Essen und Trinkendie Hauptrolle spielen. Der Dichter fragt, was solche Vorgesetzte beimJüngsten Gericht tun werden (Antwort: confusi proeul dubio mutescentsicut asini) und spricht den Wunsch aus, daß er nie Prälat werden möge.In dem Gedichte De malis monachorum greift der Dichter wegen der imKloster so häufigen Schmeicheleien die Vorgesetzten scharf genug an.
7]) Eine weitere Serie beginnt mit einem langen Gedichte in 576 Zwölf-silbern De Maria virgine, das sich reichlich in Mystik und Allegorien ergehtund wohl von einem Lehrer stammt, da es am Schluß Vs.573 heißt: Hocopus pueris legendum offero. Ein ähnliches Gedicht betitelt sich De partuvirginis, das sich in den gewohnten Gleisen und Anschauungen bewegt,aber einen künstlicheren Reim als die meisten der bisher besprochenen
1 Hier ist Vs. 60 (p. 161) = Maximiani coneubinas centum, et quam modo teneo car-El. 1, 86; 91 = Juv. 6, 459. nis ad j'Omentum, non vettern dimittere prop-
2 Völkerpsychologie (gegen die Deut- ter marcas centum. 55 p.182 si cum mere-sehen) Vs. 85—88. trieibus fuero moechatus, cogor meos pro-
3 Also kann das Gedicht nicht vor 1220 prios portare reatus.
entstanden sein. Hierzu und zum folgenden 6 Vs. 52 sola scribuntur levia; ibi bene per-
vgl P.Lehmann, Die Parodie im MA. penditur visitantis ineuria, nam quiequii
159ff. ibi scribitur, duae (?) non valet allia.« Vs. 42 (N. 35) p. 181 Ego forsan habui