256 Zweiter Abschnitt. Die Artes
geeignet hat. Johann aber waltet mit den Schätzen der ihm überliefertenLiteratur ganz frei und bei allen passenden Gelegenheiten stützt er seineAussage durch irgendeine Anführung, und da seine Zitate manchmal rechtumfänglich sind, so besitzen sie oft Wert für die Geschichte der Über-lieferung. — Die Werke des Johannes aber sind folgende.
a) Entheticus de dogmate philosophorum. Diese Schrift, derenTitel absichtlich oder unabsichtlich verderbt ist, stellt ein Gedicht von 926Distichen dar, etwa 1157 geschrieben und an Thomas Becket auf den Kon-tinent gesandt. Es ist der Vorläufer des Policraticus, sein erster Entwurf,dazu bestimmt, den Reichskanzler Thomas, der den Johannes zum Schrei-ben aufgefordert hatte, nicht nur über alte und neue Philosophie zu belehren,sondern ihm auch Rat, Ermahnung und Warnung zukommen zu lassen.Das Gedicht beginnt mit scharfer Geißelung mancher Modetorheiten derneuen Philosophie und spricht 1 von der Wahrheit. Als höchstes Geschenkder Gnade sei die Philosophie zu betrachten, sie führe zur Seligkeit und seidie Liebe zu Gott. 2 Sie müsse daher richtig erlernt werden, da sie nur so zurwahren Auffassung des göttlichen Wesens führen könne, die Vs. 375 bis428 dargelegt wird. Hieran schließt sich nun ein Überblick über die altePhilosophie mit kritischer Würdigung vom christlichen Standpunkt aus,wobei Vs. 563—594 Epikurs Lehre stark angegriffen, 801 ff. des SokratesMeinung, daß jedes Menschen Geist ein Gott ist, getadelt, Aristoteles hocherhoben wird, aber doch Vs. 831 ff. Irrtümer von ihm zur Sprache kommenund 873 seine vana gloria getadelt wird. An Plato aber, dessen Lehre aus-führlich dargestellt wird, findet Johannes nichts auszusetzen (Überschriftvor 1109 Quod in pluribus utilis doctrina Piatonis, Vs. 1110 Qui male paucadocet et bona plura malis). Mit Vs. 1165 geht er zu den Römern über, wobeiihm Varro Gelegenheit gibt, sich gegen die Ansicht auszusprechen, daßMusaeus Moses gewesen sei (Vs. 1193 ff.). Cicero und Seneca werden mithohem Lobe bedacht und dann geht Johannes zu einem völlig andern Stoffüber: Thomas wird als der künftige Nachfolger Theobalds von ihm ange-sehen und auf ihn konzentriert sich nun das ganze weitere Interesse. Rück-sichtslos deckt Johannes die Schäden auf, die der Staat unter der RegierungKönig Stephans erlitten habe und jetzt noch unter dem jungen KönigHeinrich IL erleide; das geschieht zur Belehrung des Thomas, dem deutlichein Wegweiser für die Zukunft gegeben wird. Im letzten Teile wird endlichder Weg geschildert, den das Buch machen soll, aber es ist dem Dichterweniger um die Gegenden als um die Menschen, die es finden werde, undum deren Sitten zu tun; und so endet das Buch mit einer kulturhistorischhöchst wertvollen Sittenschilderung, die auch darauf berechnet ist, demkünftigen Primas Englands ein klares Bild über seinen Klerus zu gewähren.
b) Policraticus. Wohl im Sommer 1159 gab Johannes das Hauptwerkseines Lebens, den Policraticus heraus, das den Untertitel sive de mgiscurialium et vestigiis philosophorum führt, der sich teilweise nach dem vom
1 Vs. 198 hoc Furvus atque Capeila do- Flavianus; vgl. auch Vs. 209.
cent; dieser Furvus ist wohl nach Peter- 2 Bedeutsam sind die Ueberschriften vor
sen und Schaarschmidt (S. 105f.) der 305 Quod philosophia et Caritas sint idem
im Policraticus 2, 26 (1, 141, 9ff. W.), 8, und vor 319 Quod nemo sine fide philoso-
11 (2, 304, 20 und 294, 17f.) genannte phatur.