246 Zweiter Abschnitt. Die Artes
Der Inhalt des Werkes in der älteren Rezension ist folgender. Wir er-halten zuerst eine kurze Beschreibung der Stadtmauer und eine Notizüber die Anzahl der Tore und der Meilensteine. Es folgen die Namen derStadttore, der Triumphbögen, der Hügel und der Thermen. Diese erstenganz kurz gehaltenen Abschnitte stammen mit Ausnahme von Kap. 6 ausdem Anhang des alten Regionenbuches. 1 Die nächsten fünf Abschnitte sindetwas ausführlicher und selbständig, sie begreifen die Paläste, Theater, diedurch Märtyrer berühmt gewordenen Orte, die Brücken und die Kirchhöfe. 2Darauf erscheinen fünf Legenden, deren Kern viel älter war und die schonim 10. Jahrhundert aufgezeichnet worden sind. Sie werden aber unter-brochen durch ein Kapitel De nominibus indicum et eorum muneribus 3sowie durch den aus dem Regionenbuch stammenden Abschnitt De columnaAntonini et Traiani. Die fünf Legenden geben römische Lokalsage, in dersich antike Bestandteile mit christlichen Dingen wunderbar mischen. Siebehandeln eine Vision des Augustus, eine Sage von Tiberius und zwei grie-chischen Bildhauern, das sogenannte Pferd Konstantins, die angeblicheEntstehung des Pantheon und endlich die Entstehung des Titels Augustusund des Namens der Kirche S. Petri ad Vincula. Soweit fußt das Werk meistauf älteren Bestandteilen, dann aber kommt Kap. 20—30 die eigene Arbeitdes Verfassers in der Periegese der Stadt. Es kam ihm hier auf den Nachweisan, daß die Ruinen der Stadt Göttertempel gewesen seien. Zu diesem Zweckenennt er an erster Stelle stets den zu seiner Zeit üblichen Namen der Ört-lichkeit und gibt dann seine Erklärung, die besonders von Ovid und vom Re-gionenbuch beeinflußt worden ist. Bei der von Jordan 4 angestellten Unter-suchung hat sich nun ergeben, daß der Verfasser Tempel genannt hat, woüberhaupt niemals antike Bauten standen, und daß er zu willkürlichen Be-nennungen von Gebäuden griff, die im Volksmund noch die alten oder andereNamen führten. Daher ist viel Falsches mit Wahrem gemischt und der Be-richt des Verfassers ist nur mit großer Vorsicht zu verwenden. Der Zweckdieser Arbeit war also, dem Leser die Überzeugung beizubringen, daß dieRuinen ehedem die Kultstätten der vom Christentum besiegten Göttergewesen seien, und ihm die Namen der betreffenden Götter mitzuteilen.
Der Schlußabschnitt (Jordan 2, 643,13ff.) Haec et alia multa templa et palatia impera-forum consulum senatorum prefectorumque tempore paganorum in hac Romana urbe fuere.sicut in priscis annalibus legimus et oculis nostris vidimus et ab antiquis audivimus, quan-tae etiam essent pulchritudinis auri et argenti, eris et eboris pretiosorumque lapidum, scriptisad posterum memoriam, quanto melius potuimus, reducere curavimus.
Graphia aureae urbis Romae. Wahrscheinlich wurde diese Ablei-tung der Mirabilien ebenfalls im 12. Jahrhundert geschrieben, doch sindhier die Mirabilien nur als Einleitung zu einer Darstellung des kaiserlichenHofhalts benutzt. Der Verfasser verbreitet sich hier zunächst über Stadt-sagen, die aus antiken und biblischen Elementen stammen, wie er die Grün-dung Roms auf Noah und dessen Sohn Janus zurückführt und die StadtSaturna von Nemroth — qui et Saturnus — gegründet sein läßt; KönigItalus aber habe am Flusse Albula eine Stadt gegründet und nach sich be-
1 Erhalten in der Notitia und im Curio- Jordan a.a.O. S.380—383.sum, vgl. Jordan 2,1 = 3. Das 6. Kapitel 3 Fehlt in der Graphia.fehlt in der Graphia. 4 a.a.O. S.422—536.
2 Eine Analyse dieses Abschnitts gibt