B. Schriftsteller des Quadriviums 237
dessen Geschichte aber vielleicht auf Erfindung beruht. 1 Beide Biographien sind durch-aus im Legendenstil geschrieben und haben keinen geschichtlichen Wert. Ausgabe beiMigne 197,1083—1116. Die Vorrede zur Vita s. Disibodi bei Pitra, Anal, sacra 8,352—357 und Nachträge zur Vita s. Ruperti daselbst p.489ff. (aus Vindob.628), dort auchp. 583ff. De laudibus s. Martini Turonensis.
g) Gedichte. Endlich hat Hildegard auch die Entwürfe zu einer größe-ren Anzahl von Gedichten (70) gemacht, denn diese sämtlichen Lieder sindnur in Prosa niedergeschrieben. Es handelt sich hier um 35 Antiphonen,19 Responsorien, neun Sequenzen, fünf Hymnen, ein Kyrie und ein geist-liches Singspiel oder Melodram (Ordo virtutum). Diese Dichtungen dientennicht liturgischen Zwecken, sondern der privaten Erbauung, und stammenin 41 Stücken aus den Werken der Heiligen, die übrigen 29 hat Hildegardselbst gedichtet. Es fehlt ja allerdings hier an der künstlerischen Formge-bung durch Metrum oder Rhythmus, doch erkennt man trotzdem das Talentder Äbtissin, 2 die sich ja in religiöse Themen so ungemein vertiefen konnte undin ihren Gedichten eine große Selbständigkeit bewahrt. Die Sequenzen undHymnen richten sich vorzugsweise an Heilige der Trierer Diöcese, außerdeman Christus, den hl. Geist und Maria. Besonders wichtig ist der Ordo virtu-tum, da dieses geistliche Singspiel voll von feiner Psychologie und von dra-matischer Wirksamkeit ist. Es bildet einen Teil der letzten Vision derScivias, doch Hildegard scheint es bald nach Fertigstellung ihres erstenWerkes zu einem selbständigen Spiel ausgearbeitet zu haben. In dieser Fas-sung liegt es in der Liedersammlung vor, die dem großen Wiesbadener Hilde-gardkodex beigeheftet ist. Der Grundgedanke des Ordo ist der durch dieJahrhunderte sich verborgen vollziehende Aufbau des mystischen LeibesChristi. 3 Hier wird der Kampf, die Sünde und die Rückkehr einer mensch-lichen Seele vorgeführt und die Geschichte dieser Einzelseele wird mit dentiefen Gedanken der Seiviasvisionen durchdrungen.* Hildegard hat ihre Ge-dichte auch in Musik gesetzt und die Kompositionen sind mit den Gedichtenerhalten.
Ueberlieferung im Wiesbad. maior f.464—479. Ausgaben von F. W. E. Roth inFontes rer. Nassoicarum 3,1,433—456. Die Lieder sind gedruckt von D r e v e s, Anal, hym-nica50, 484—492 (14 Stücke) und von J.Pitra, Analecta sacra 8, 441—467. Der Ordovirtutum in: Der hl. Hildegard v. Bingen Reigen der Tugenden, Berlin 1927, S. 105—133 (mit Melodie), daselbst Uebersetzung S.77—95; Aufzählung der einzelnen Teile desOrdo bei Jos. Gmelch, Die Kompositionen der hl. Hildegard (1913) S. 23 n.3; im An-hang zu dem Werke von Gmelch sind die Kompositionen zu den Gedichten O visaeternitatis bis zum Ordo virtutum S.l—32 in Photographie wiedergegeben. Ueber-sicht über die siebzig Gedichte bei Gmelch S.l8ff.
Zu der Ueberlieferung im allgemeinen 5 vgl. A. v. d. Linde, Die Hss. d. kgl. Landes-bibliothek inWiesbaden (1877) S. 22 ff. und S. 28—92 und Pi t r a, Analecta sacra 8 p. XX f.Wirzib. Mp. mi. fo. 6 s. XIV gibt an mehreren Stellen Auszüge aus Hildegards Werkenund zählt f. 36 b sieben ihrer Schriften auf, vgl. H. Grauert, Magister Heinrich, derPoet, München 1912, S. 443. — Schmelzeis, Das Leben u. Wirken der hl. Hildegar-ds, Freib. i. Br. 1879. Maura Böckeier, Der hl. Hildegard v. Bingen Erkenne dieWege. F. M. Steele, The life and visions of St. Hildegard, London 1914. Benrath beiHauckP.R.E. 8,71. Schmelzeisbei Wetzerund Weite, Kirchenlexikon5,2061—2074.
1 Gegen diese Auffassung vgl. Falk im 1927 S. 33—35.
Katholik 60, 541—547. * Daselbst S.58—69 über den Inhalt des
Vgl. Herrn. Fischer, Die hl.Hildegard Ordo.
V 3?r"l gen ' Munchen 1927, S.23ff. 6 Zum Liber meritorum ist nachzutragen
Vgl der hl. Hildegard v. Bingen Reigen Berol. theol. lat. fol. 727 s. XII, vgl Mitteil,
der Tugenden (Ordo virtutum) Berlin d. kgl. Bibl.2, 6 (1914).