230 Zweiter Abschnitt. Die Artes
er von der Fortsetzung der Reise nach Bingen abgehalten und beauftragtedamit nun seinen Freund Baldus; Hildegard entsprach dem Wunsche undhat jene 38 Quaestiones behandelt, die anfänglich aus dem alten Testamentstammen, während die späteren meist den paulinischen Briefen entnommensind. 1 Die Mönche des Klosters Hüningen wandten sich mit der Bitte an sie,ihnen einige Stellen aus der Regel Benedikts zu erklären; auch diesen Wunschhat Hildegard erfüllt und in der ihr eigenen Weise die betreffenden Stellenbehandelt. 2 Für ihr eignes Kloster verfaßte sie eine Erklärung zum Sym-bolum Athanasianum und Erklärungen zu Stellen der Evangelien, 3 fernerdas Leben ihres Klosterheiligen Rupert und die Vita s. Disibodi. Bei der ihreigenen Gemütstiefe und bilderreichen, phantasievollen Auffassung desLebens war es ihr aber auch natürlich gegeben, geistliche Lieder zu dichten,die sich in großer Zahl von ihr erhalten haben. Sie setzen sich zusammenaus Antiphonen, Responsorien, Hymnen, Sequenzen und einem allegorischenMelodram, dem Ordo virtutum. Bevor sie aber die Heiligenleben schrieb,hatte sie schon ihr medizinisches Werk Causae et curae abgefaßt, mit dessenHilfe sie dann ihre Physica schrieb. Und mit diesen Studien hing es zusam-men, daß sie sogar, wie sie selbst in dem Vorwort zu späteren Visionen mit-teilt, eine neue Sprache für eine große Menge von Wörtern 4 aus dem Natur-und Menschenleben erfand und auch ein .neues Alphabet aufstellte, dasfreilich in ihren Werken nirgends zur Anwendung kommt. In ihrem 61. Le-bensjahre, also 1158, hatte sie eine neue Folge von Visionen, die sie bis 1163im Liber vitae meritorum als Weiterführung des ersten, Scivias genanntenWerkes darstellte. Und 1163 setzten sich ihre visionären Eingebungen fort,die sie dann in den nächsten sieben Jahren unter körperlicher Schwächeund Krankheit als Liber divinorum operum simplicis hominis niederschrieh.In diese späte Periode ihres Lebens fallen dann die mit Wibert von Gemblouxgewechselten Briefe und die Heiligenleben. Im Jahre 1179 ist diese für ihreZeit einzig dastehende Frau, in der sich religiöse Mystik mit seltener Natur-anschauung vereinte, gestorben. Im Jahre 1233 sollte sie heilig gesprochenwerden und es wurden deswegen Akten über ihr Leben und ihre Tätigkeitzusammengebracht; die Kanonisation ist freilich nie erfolgt, jene Akten 5aber sind deshalb wichtig, weil in ihnen die Titel der meisten Werke Hilde-gards aufgeführt sind.
Zeugnisse. Von Wichtigkeit sind die bald nach dem Tode der Aebtissin von denMönchen Godefrid und Theodor verfaßte Vita Hildegardis bei Migne 197, 91 ff. sowieihre Vorreden zu den drei Werken über Visionen. Vgl. Vita 1, 1, 2 col. 91G regnanteHenrico juit in Galliae citerioris partibus virgo tarn generis quam sanctitatis ingenuitaleillustris nomine Hildegardis patre Hildeberto matre Mechtilde progenita. Qui. . . filiam...divino famulatui manciparunt. . . Mox namque. . . quam verbis quam nutibus significabathis, qui circa se erant, secretarum visionum species. . . Cum iam fere esset octo annorum.. .recluditur in monte s. Disibodi. . . Ceterum praeter simplicem psalmorum notitiam nullamlitteratoriae vel musicae arlis ab homine percepit doctrinam, quamvis eius exstent scriptanon pauca. Ait enim in libro suo, qui Scivias praenotatur. Die Fortsetzung aus der Vor-rede zur Scivias selbst, die in der Vita fast wortgetreu wiedergegeben wird, Scivias Praef.
1 Migne 197, 1037—1054. 6 Migne 197,131—140. Vgl. col. 139A.
2 Migne 197, 1053—1066. Daß die Briefe wie andre Werke unecht8 Von Christi Geburt bis zur Dominica seien, hatte H. Preger, Gesch. d. deut-
quarta Quadragesima bei Pitra, Analecta sehen Mystik im MA.l,16ff. behauptet.sacra 8, 245—327. Das Gegenteil zu erweisen gesucht in Hist.-
4 Nämlich 920. polit. Blätter 76, 604—628. 659—689.