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3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
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B. Schriftsteller des Quadriviums 229

Jahren aber hatte sie begonnen, ihre Visionen aufzuzeichnen, und zwar mitaller Umständlichkeit, in der sie ihr erschienen waren. Eine gelehrte Bil-dung hatte sie nicht erhalten, denn sie kannte nur die Psalmen dem Wort-laute nach und war in den freien Künsten, eingerechnet die Musik, gänzlichunerfahren. Aber damals im Jahre 1141 hatte ihr ein sich plötzlich vomHimmel auf sie niedersenkendes Licht das Verständnis für die Auslegungder Psalmen, Evangelien und der andern biblischen Bücher eröffnet. Dasie jedoch weder die Bedeutung der biblischen Textworte kannte noch vonSilbenteilung oder vom Geschlecht, von den Kasus und den Zeiten derWorte etwas wußte, so war sie bei der Aufzeichnung der Visionen und wohlaller ihrer späteren Schriften auf die grammatische und stilistische Beihilfezunächst des Propstes Volmar, 1 angewiesen. Jedenfalls steht man hier voreinem Rätsel, das sich nur durch Annahme einer ganz außerordentlichenBegabung und Intuition lösen läßt. Doch mag bei den naturwissenschaft-lich-medizinischen Schriften unsrer Nonne, wie schon H.Fischer bemerkte, 2wohl vielfältige Erinnerung an volkstümlich gehaltenen Unterricht keinegeringe Rolle spielen. Übrigens erlangten die Visionen, die sie zunächst indem Werke Scivias zusammenfaßte, sogar die Approbation des Papstes,denn als Eugen III. 1147/48 in Trier weilte, sprach er sich anerkennenddarüber aus. .

Jedenfalls galt nun Hildegard als Seherin und Prophetin und es dauertenicht lange, da wandte man sich in schwierigen Lagen an sie. Groß ist dieZahl der höchsten weltlichen und geistlichen Würdenträger, die in aller-hand Gewissensnöten ihren Rat suchten, und eine Sammlung ihrer Briefeist angelegt worden, wo auf die Schreiben der geistlichen und weltlichenFürsten 3 jedesmal Hildegards Antwort folgt. Man kann wohl sagen, daßkaum eine andre geistliche Frau des Mittelalters einen solchen Zuspruchvon den Höchstgestellten dieser Erde gehabt hat. Meist sind die Antworten,die sie auf die Fragen erteilt, höchst einfach: Hildegard ermahnt stets zuchristlichem Gebrauch der Amtsgewalt und verweist die Fragenden strengauf ihre Pflicht. Wahrscheinlich hat sie aber auch schon frühzeitig medi-zinische Kenntnisse gesammelt und auf deren Grund ärztliche Praxis aus-geübt. Sie heilte Kranke, während sie selbst von Leiden fortwährend ge-plagt wurde, und auf ihren Reisen, die sie fast durch das ganze westlicheDeutschland und nach Frankreich führten, mag sie zugleich als Ärztin derSeele wie des Körpers aufgetreten sein. Und auch die Natur muß sie aufseingehendste betrachtet und studiert haben, denn neben einem umfäng-lichen medizinischen Werke hat sie eine ausführliche Physik oder Naturbe-schreibung verfaßt.

Aber auch eine Reihe von Schriften, die ins Gebiet der Theologie fallen,hat sie geschrieben. So wollte ihr der Abt Wibert von Gembloux 4 eine großeAnzahl (38) von theologischen Fragen zur Lösung überbringen, doch wurde

'Vgl. Herwegen, Rev. Bened. 1904,192 1927, S.U.

204. Dann waren es Abt Ludwig in Trier 3 Und zwar in der im Range absteigenden

und p r op S t Wezelin in Köln, endlich Abt Linie.

Wibert von Gembloux, vgl. a.a 0. S.302 4 Vgl. besonders seine Briefe beiPitra,

my m d 381 ~ 402> Analecta sacra 8, 328340.Die hl. Hildegard von Bingen, München