222 Zweiter Abschnitt. DieArtes
dessen Lehre von den sechs Intervallen bekämpft wird, indem Wilhelmdrei weitere Intervalle hinzufügt und zu dieser Neunzahl noch die Septimeund die Oktav hinzurechnet. Aber auch die Musik Odos von Cluni — erheißt hier Otto —■ wird mehrfach berührt, 1 und kurz wird das Werk Bernosgestreift, 2 indem über dessen Konsonanzbestimmungen hinausgegangenwird. Besonders läßt sich Wilhelm gegen Guido aus, und er bringt die Ideeauf, die acht Kirchentöne mit dem System des Boethius von den Tetrachor-den in Einklang zu bringen. Nach W. Bäumker aber ist Wilhelms Werkfür die Weiterentwicklung der Musik nur von geringer Bedeutung, 3 worüberdie neue Ausgabe von H. Müller zu vergleichen ist.
Wir wissen aber auch noch von andrer Seite, daß sich Wilhelm intensivmit Musik beschäftigt hat. Nämlich der Scolasticus Aribo, der wohl zu einemKloster der Freisinger Diözese gehörte, berichtet in seiner dem BischofEllenhard von Freising (f 1078) gewidmeten Musik, daß der frühere Em-meramer Mönch Wilhelm, der jetzt in einem Kloster Abt sei, ein neuesMaß für die Orgelpfeifen aufgestellt und ihm mitgeteilt habe; denn Wilhelm,'der erste unter den lebenden Musikkennern, habe ihn ungemein liebgehabt.Darauf folgt ein Abschnitt, der ohne Zweifel aus der kleinen Schrift Wil-helms stammt, die dieser dem Aribo übergeben hatte, und die Schrift selber,mit diesem Abschnitt, ist in einer alten Handschrift aus St. Emmeramerhalten, wo sie aber fälschlicherweise dem Bischof Eberhard von Freisingbeigelegt wird, wozu vielleicht die Worte longitudo minimae fistulae secun-dum Eberhardum Frisingensem i Veranlassung gaben. Aribo aber nenntden Wilhelm in dem Abschnitte seiner Musik über die Orgelpfeifen anmehreren Stellen, und die Abfassung dieser Musik fällt in die Jahre 1069—1078. Auch daß Wilhelms Schüler Dietger, der spätere Bischof von Metz,ein Werk über Musik verfaßt hat, könnte mit Wilhelms eignen einschlä-gigen Studien zusammenhängen. Bei den nahen Beziehungen des KlostersMuri zu dem Reformkloster St. Blasien ist es aber nicht zu verwundern,daß im alten Kataloge von Muri die Musik Wilhelms aufgeführt wird. 5Schließlich ist zu erwähnen, daß der Anon. Mellicensis c. 108 erzählt,Wilhelm habe seine Musik nicht beendet, da er zur Leitung des KlostersHirschau berufen worden sei.
Nämlich mit der Beendung seines Aufenthaltes in St.Emmeram scheinenauch Wilhelms wissenschaftliche Studien ihren Abschluß erreicht zu haben.Es kamen Boten zu ihm vom Kloster Hirschau im Schwarzwalde, die ihmdie Abtswürde antrugen. Er nahm den Antrag an und begab sich nachHirschau im Jahrel069, ließ sich aber erst nachzwei Jahren zum Abt weihen,da sein vertriebener Vorgänger noch bis 1071 lebte. Er reiste 1075 nachRom, um ein päpstliches Privileg für Hirschau zu gewinnen. 6 Nach seinerRückkehr war er ganz im Sinne der Reform tätig, die im eigentlichen Deutsch-land noch nicht sehr verbreitet war. Zunächst führte Wilhelm, als er nach
1 Kap.15 p.167; 17 p.168 und 170. domni Willehelmi abbatis.
2 Kap.21 p.173. «Vgl. Gerbert a.a. 0.2, 281.
3 Im Berol. lat.955 s. XII wird das Werk 5 Vgl. Neues Archiv 32, 692.
in zwei Bücher geteilt (f.157—163 und « Jäffe, Regesta pontif. Roman. N.3979.f.163 b—168). Dort auch f. 168 b Figura