B. Schriftsteller des Quadriviums 221
(oder Otoch) und bittet ihn, daß er mit ihm den schon lange angekündigtenDialog über Musik halte. Wilhelm erwidert, das könne manchem zum Gegen-stand des Ärgernisses werden, da man sage, daß sich die Mönche auf ihrenPsalter beschränken sollen, worauf Otoch die Frage stellt, wie die Mönchedann das Alte und Neue Testament, die Vita Patrum, die Collationes, dieDialoge Gregors und anderes verstehen sollten, was der hl. Benedikt ihnenvorschreibe. Es sei ihnen erlaubt und es zieme sich für sie, die weltliche Wis-senschaft zu treiben, um dort Gold im Kot zu suchen, Egypten zu be-rauben und Früchte von den Dornen zu ernten. Zum Beweis, daß die mön-chische Disziplin dabei nicht zugrunde gehe, legt er ihm eine größere Stelle ausCassians Collationes vor. Und da sie aus der klarsten Quelle durch natürlicheBegabungzurBeschäftigungmit demQuadrivium hingezogen würden, so müß-ten alle, die davon übel redeten, beschämt verstummen. Daher wollten siedoch im Namen dessen, der die Zahl der Sterne kenne und sie bei Namennenne, die Astronomie auf dem in Aussicht genommenen Wege des Dialogsdurcheilen. Darauf äußert Wilhelm, daß Otoch ihn durch die stärkstenBeweise gegen die Widersacher aufgebracht und verpflichtet habe, mit sei-nem Versprechen nicht länger zu zögern. Aber er gehorche nur unter der Be-dingung, daß, während er selbst mit den für jene Wissenschaft nötigen Figurenund Instrumenten beschäftigt sei, Otoch den Wortlaut ihrer Unterhaltung auf-schreibe. Das hat Otoch jedenfalls zugesagt, denn alsbald beginnt das Werk,von dem freilich nur die ersten Worte überliefert zu sein scheinen. Ob man diesWerk im 12. Jahrhundert noch in Hirschau besaß, ist doch recht zweifelhaft,da die Hirschauer wohl nur die klösterlichen Schriften Wilhelms verwahrten.
Mit der Astronomie Wilhelms scheint dessen Musik in naher Verbindungzu stehen, denn sie wird durch ein kurzes Gespräch Wilhelms mit Othl.eingeleitet. Dieser meint, da Wilhelm seinen Bitten und Fragen bezüglichder Astronomie nachgekommen sei, so ergebe es sich, daß man nun das Ge-spräch auf die Musik wende, so daß auf die Vorschriften astronomischerDinge Ursprung und Natur der Harmoniekunst folge. Wilhelm erklärt sichtrotz der großen Schwierigkeiten aus Liebe zum Freunde bereit, setzt aberdie Bedingung, daß man erst am folgenden Tage anfange. Als die Frist ver-strichen ist, meint er, daß er ihn nicht anders in die Kunst einführen könne,als wenn er die ihm bekannten Lehren des Boethius und der neueren Musikerihm wieder ins Gedächtnis rufe. Darauf geht der Freund gern ein und er bit-tet Wilhelm, durch eigne Zusätze und Verbesserungen die Lehren derFrüheren vorteilhaft auszugestalten. Mit ziemlich gewundenen, bilderrei-chen Worten erklärt sich Wilhelm einverstanden, und nun beginnt das eigent-liche Werk, das nur in beschränkter Weise ein Dialog ist, wie die Astronomieauch einer gewesen zu sein scheint, 1 denn Othl. ist nur in ganz untergeord-neter Weise daran beteiligt.
Die Musik Wilhelms ist natürlich zum großen Teil auf Boethius aufgebaut,obwohl dieser nur zweimal genannt ist. 2 Viel häufiger wird Guido erwähnt, 3
1 Nach den Eingangsworten der Musica fecisti disciplina.
(bei Gerbert, Script, eccl. de musica sa- 2 Kap.15p.167 (Gerbert) und 16 p.168.
cra 2) 154 Postquam donante deo petitioni- 3 Kap.2 p.155; 15 p.167; 18 p.170; 20
ousmeisetquaestionibusinastronomicasatis- p.172 (viermal); 21 p.173.