A. Schriftsteller des Triviums 211
sitz des Papstes statt und obwohl die Anklage hier schärfer vorbereitet war—gegen Gilbert traten Suger von St. Denis, die beiden Archidiakone Arnaldund Calo, Petrus Lombardus und Robert von Melun besonders heftig auf—,so hatte sie doch wieder fast keinen Erfolg: die anwesenden Kardinäle gerietenmit Bernhard von Clairvaux wegen der Gerechtsame der gallikanischenKirche in Streit und Gilbert brauchte schließlich nur das Versprechen ab-zugeben, die anstößigen Stellen aus seinen Werken auszuradieren, was erübrigens gar nicht gehalten zu haben scheint, da sie sich in unseren Hand-schriften in fast gleichem Wortlaut finden. Mit diesem Ausgang aber sindzwei Nichtfranzosen sehr zufrieden gewesen, nämlich Johann von Salisbury,der in seiner Historia pontificalis ein sehr objektives Bild der Verhandlungengibt, und Otto von Freising, der sich nicht einmal damit begnügt, sonderneine eigene philosophische Untersuchung über die betreffenden Streitfrageneinschiebt. 1 Und von Otto wissen wir, daß er auch sonst nähere Beziehungenzu Gilbert und seiner Schule pflegte. Nämlich Gerhoh von Reichersbergschreibt in einem Briefe an Otto, daß dieser früher eine Stelle aus GilbertsPauluskommentar habe entschuldigen wollen, indem Gilbert einen Satz(aus Ambrosius Autpertus) wohl nur als Zitat aufgefaßt habe, und vorherwendet sich Gerhoh sehr energisch gegen eine Schrift aus dem Kreise Gil-berts, die man, um ihren Inhalt zu decken, dem Otto gewidmet habe.Aber, soviel steht fest, alle Versuche der Feinde, zu denen besonders auchBernhards Sekretär Gaufrid zu rechnen ist, 2 prallten an der vornehmenwissenschaftlichen Ruhe Gilberts ab. Eigentlich hatte also Bernhard eineNiederlage erlitten, wozu wohl besonders die römisch-hierarchische Politikder Kardinäle beitrug. Gilbert scheint in der Folgezeit unangefochten ge-blieben zu sein 3 und starb als Bischof von Poitiers im Jahre 1154. OhneZweifel war er einer der bedeutendsten Theologen des 12. Jahrhunderts, derallerdings seine eigenen Wege ging, denn er verstand es, seine theologischenUntersuchungen durch Zitate aus den Philosophen, Rednern und Dichternauf eine breitere wissenschaftliche Basis zu stellen, indem er aristotelischeGrundbegriffe auf die Trinitätslehre anwendete. Das hat zwar bei den Zeit-genossen Anstoß erregt, doch wurde diese Neuerung bald Gemeingut destheologischen Unterrichts überhaupt. Und er ist, wie Grabmann (2,408)bemerkt, einer der wenigen frühscholastischen Denker, die noch im Zeitalterder Hochscholastik fortlebten und Kommentatoren ihrer Werke gefundenhaben.
Zeugnisse. Ein mittelalterliches Leben Gilberts fehlt; das Werk von Berthaud, Gil-bert de la Porree läßt oft die nötige Quellenkritik vermissen. Vgl. besonders R. Schmidin PRE. 6, 665ff., Hayd in Wetzer-Weltes Kirchenlexikon 5, 599ff. M. Grabmann,Gesch. d. scholast. Methode 2, 408—439. A. Hofmeister, Neues Archiv 37, 644ff. San-dys, A bist. of. class. scolarship p.512. Zur Ausbildung Ottonis Fris. Gesta Frid. 1, 52p.74. Iste enim ab adolescentia magnorum virorum disciplinae se subiciens. . . qualis primojuit Hylarius Pictaviensis, post Bernhardus Carnotensis* ad ultimum Anshelmus et Radul-
1 Gesta Frid. 1, 55 p. 77—80. Denifle, Die abendländ. Schriftausleger
-Vgl. besonders seine Darstellung der etc. S. 361 ff.
Verhandlungen gegen Gilbert Gaufredi 3 Der Gegner wegen änderte er später die
abbat. Claraevall. ep. ad Albinum cardi- Vorrede zum Boethiuskommentar, vgl. Joh.
nalera bei Migne 185, 587—596 und im Saresb. Hist. pont. 13 (MG. SS. 20, 527,1).
LibelluscontracapitulaGilleberti Porretani 4 Brief Gilberts an Bernhard, Bibl. de
nctav. episcopi ib. 595—617. Vgl. aber l'ec. des chartes 1855 S. 461. — Zu Hi-
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