176 Zweiter Abschnitt. Die Artes
selbst eine Erklärung zur Timäusinterpretation des Chalcidius verfaßt, diesicher teilweise auf Macrobius beruhte, wie auch anderwärts seine Kennt-nis dieses Autors keine geringe ist. Der Kommentar ist allerdings verloren,man sieht aber aus der Abfasssung sehr deutlich sein Interesse an der altenPhilosophie. Aber seit dem Eintritt ins Kloster scheint in Manegold einegroße Veränderung vorgegangen zu sein. Denn zunächst verfaßte er noch vorGregors VII. Tode die uns schon bekannte Streitschrift gegen Wenrich vonTrier an Gebhard von Salzburg, die über alles Maß für Gregor Partei nahm.Und bald darauf, als Gregor schon gestorben war, richtete er an Wolfhelmein ebenfalls in scharfem Tone gehaltenes Werk über die Gefahren, die dieBeschäftigung mit der alten Philosophie dem Christen bringen müsse.
Manegold knüpft hier an die mit Wolfhelm über Macrobius gehalteneUnterredung an, die in Zank und Streit geendet habe. Er wolle ihn nundarüber belehren, daß in den Schriften der alten Philosophen häretischeGedanken vorgetragen würden, und einiges über Papst Gregor hinzufügen,der von ihm ungerecht angegriffen worden sei. Manegold beginnt mit demGeständnis, 1 daß nicht alle Gedanken der alten Philosophen zu verwerfenseien, sondern nur die, welche Irrtümer enthalten und den Christen täu-schen können; manche könnten wegen ihrer Feinheit kaum recht erkanntwerden, fügt der Piatonerklärer bescheiden hinzu. Nun macht er ihn auf-merksam auf die verkehrte Auffassung des Pythagoras von der Seele undsetzt ihm Piatos falsche Begriffsbestimmung über die Seele auseinander.Es folgt dann eine getreue Paraphrase von Macr. Somn. Scip.1,14,19—20,indem die Ansichten von achtzehn alten Philosophen über die Seele vorge-bracht werden mit der emphatischen Frage als Schluß: Und wenn du glaubst,daß deine Seele Blut genannt werden könne, wie willst du dann das Himmel-reich erwerben ? Aber die Philosophen haben auch mit der Größenbestim-mung von Sonne und Mond geirrt und ihre Angaben darüber müssen nachchristlicher Vernunft zurechtgerückt werden, damit man nicht das Schick-sal des Origenes teilt, der ihnen zu sehr vertraute. 2 Da nun die Philosophenvon den Benediktionen der Propheten nichts gewußt haben, so haben sienicht würdig über die Trinität denken können. Damit beginnt Manegoldeine kurze Geschichte der Heilswerdung, die er am Schlüsse überleitet zuden kirchlichen Verhältnissen der Gegenwart in Deutschland. Hier brand-markt er den Ruf der Deutschen „Wir brauchen keinen anderen Papst alsden Kaiser." Bezeichnend für seine jetzige Stellung der alten Literaturgegenüber ist der scharfe Ausfall, den er in Kap. 9 gegen die Poesie richtet,nachdem er über die Entstehung philosophischer Sekten mit Hilfe desTeufels gehandelt hat. Denn es kam nun, wie er sagt, die Schar der Dichter,die mit Trugmitteln die Seelen eitler Menschen ergötzten und Gemeinesdurch allerhand Verhüllungen aufputzten, und so haben die Dichter in derKomödie, der Lyrik, der Satire und der Tragödie durch ihre Wahngebildedie Seelen der Sündigen verführt. Allerdings gibt er in Kap. 22 zu, daß in
1 Kap. 1 Quod non omnes philosophorum Kap. 4 werden die antoeci aus dem Somn.sentenciae abiciende sint, sed ille in quibus Scip. 2,5,33 genannt und das Ende vondeeepti sunt et deeipiunt. Kap. 5 leitet zu einem längeren Zitat in
2 Auch hier in Kap. 4—6 wird scharf Kap. 6 über,gegen Macrobius Stellung genommen;