74 Erster Abschnitt. Die Theologie und Philosophie
von ihm selbst stammen. Doch hat sich von ihm eine ziemlich große Mengevon Poesien erhalten, nach dem Inhalt sehr mannigfaltig und formal vonnicht geringer Gewandtheit. Sehr viele darunter sind Marienlieder undHymnen auf Apostel und Heilige, aber es finden sich doch auch recht häufigmoralische Themen und Zeitgedichte, sogar in recht persönlicher und beißen-der Form (vgl. Carm. 149 f. 166. 194. 195). In der Form wird ebenso dasantike Odenmaß oder der Hexameter und das Distichon oder der Rhythmusverwendet, der von Petrus recht vielgestaltig gebraucht wird. Vorherrschendist der Achtsilber, aber auch der (trochäische) Siebensilber ist in Verbin-dung mit dem Achtsilber häufig, doch wären die betreffenden Gedichte(218. 221. 223—226) wohl richtiger als Fünfzehnsilber anzusehen, was beidem Hymnus Ad perennis vitae fontem (226) auch col. 865 geschehen ist. 1Die Sammlung, in der auch eine Menge Prosagebete stehen, wird eröffnetdurch mehrere Gedichte auf das Kreuz (N. 35. 37—39), es folgen solche aufOstern und Himmelfahrt und daran schließen sich Mariengedichte (N. 43■—65). Es folgen Apostellieder (72—77) und Gedichte auf die Apostelge-schichte (93 f.), und es ist nicht zu leugnen, daß sich darunter Stücke vonwirklich poetischer Anschauung befinden; dann liest man Lieder auf Hei-lige und Märtyrer. Die meisten dieser Gedichte sind Achtsilber, aber esfinden sich doch auch fünf sapphische Oden (N. 47. 77. 103. 119. 124), undeines der letzten Stücke dieser Reihe besteht aus Strophen von je dreiAsklepiadeen und einem Achtsilber. Das letzte dieser Stücke aber (N. 130De omnibus sanctis) hat zwar zwei selbständige Eingangsverse, aber Vs.3—44 sind aus Aldhelms Gedicht De viriginitate 1080—1122 genommen,und zwar nach einer sehr schlechten Überlieferung, 2 wohl eine der späte-sten kontinentalen Benutzungen jenes Dichters. Die nächste Reihe Gedichtesind Monostichen oder Distichen und behandeln biblische Stellen, meistso, daß man sie als Erklärungen für Bilder ansehen könnte (131—146).Weitere Stücke enthalten allerhand geistliche Belehrungen mit Hinnei-gung zum Sentenzenhaften, sie sind aber untermischt mit teilweise schar-fen Epigrammen auf Personen (Hildebrand, Alexander II., Cadalus). 3 Eszeigt sich hier, daß Petrus für das Spruchhafte eine gewisse Begabung be-sitzt. In der letzten Reihe, die die umfänglichsten Stücke enthält, spielendie christliche Moral und dogmatische Verhältnisse die Hauptrolle. Eröff-net wird sie durch zwei Gedichte gegen die Simonisten (217 f.), es folgt derRhythmus paenitentis monachi in 16 Strophen zu je drei jambischen Senarenund einem Adonius. Ebenfalls dem eigenen Leben entnommen ist ein wei-teres Stück über die Schwierigkeiten im Leben eines Abtes. Das nächste(222) ist eine Art kurzgefaßter moralischer Weltspiegel, der die einzelnenStände 4 belehren will; mit dem, Tod dem jüngsten Gericht und den Höllen-strafen haben es die drei letzten zu tun, an welche die Ausgaben gleich-wie als Fortsetzung und Abschluß den berühmten Hymnus über die Freu-
1 Er ist nämlich doppelt abgedruckt, M. 4 Weltgeistliche, Klostergeistliche, Rich-145, 865 und 980. ter, Zeugen, Notare, Gastalden, Advoka-
2 Vs. 9 ist aus Aldhelm 1085 1 und 1086 2 ten, Räte, Missi, Laien, Herzöge, Krieger-zusammengesetzt, stand, Frauen, Witwen, Mädchen, Dirnen,
3 N. 216 enthält sein selbstgedichtetes Sklaven und Mägde.Epitaph.