70 Erster Abschnitt. Die. Theologie und Philosophie
Klassiker kennt und zu benutzen versteht. So kennt er die in der Schulegelesenen und früher wohl von ihm selbst erklärten Dichter und von denProsaikern macht er Anleihen bei Cicero, Livius, Petronius, Gellius (?),Sueton, Solin, Eutrop. Besonders gut zu Hause ist er im Physiologus,den er in seine kleine Schrift De bono religiosi Status et variarum ani-mantium tropologia 1 hineingearbeitet hat und dem er auch sonst vieleStellen entnahm, indem er sehr häufig auf die in ihm niedergelegteallegorische Bedeutung der Tiere, zu sprechen kommt. Wir finden hierein ähnliches Verhältnis wie bei Otloh, auch Petrus kann das Altertumnicht entbehren.
Petrus trat bald in Verbindung mit Papst Gregor VI. und dessen Hof-kaplan Hildebrand, und als Heinrich III. nach Italien kam, war er wohlauf den Synoden von Pavia und Sutri anwesend. Aber erst mit Leo IX.gelangte ein Mann zum Papsttum, der von der Notwendigkeit durchgrei-fender Reformen ganz durchdrungen war. Petrus schrieb jetzt sein BuchGratissimus und war unausgesetzt für strenge Durchführung der Mönchs-regel tätig; fortan entfaltete er eine außerordentliche kirchliche Wirksam-keit. Die Kurie dankte ihm dafür, indem er 1057 unter Stephan IX. zumKardinalbischof von Ostia erhoben wurde. Der Papst selbst nahm seineWeihe vor. 2 Allerdings erst mit dem Regierungsantritt Nikolaus IL wurdedie Leitung der Kurie derartig, daß sie den scharfen Ansichten Damianisüber Reformen wirklich entsprach. Freilich mit den äußersten Anschauungen■eines Hildebrand über die Laieninvestitur war er nicht einverstanden, 3da ihm der Friede zwischen Kaisertum und Papsttum als durchaus notwendigerschien. Aber er gab sich doch den Hildebrandinischen Bestrebungen ganzhin, obwohl er persönlich diesen klaren und geistvollenPolitiker nicht mochte, 4und vermittelte in dessen Sinne die Unterwerfung der mailändischen Kircheunter die römische. 5 Auch dem neuen Papstwahldekret von 1059 gab erseine Zustimmung, allerdings vielleicht ohne Hildebrands Nebenzweckedabei zu erkennen und gutzuheißen, denn nach seiner Ansicht hat auch derPapst nur ein priesterliches und kein weltliches Amt. 6 Petrus faßte eben dasVerhältnis zwischen Kurie und König noch ganz im friedlichen SinneHeinrichs III. auf, und obwohl er mit der hierarchischen Partei eng ver-bunden war, war er doch kein wirklicher Politiker; er war ein Schwärmerund Idealist und trotz seiner Kardinalsstellung trug bei ihm der Eremitstets den Sieg davon. Die keineswegs gesetzmäßig verlaufende Wahl Ale-xanders IL faßte er vom römischen Standpunkte auf, er schrieb heftigwider den Gegenpapst Gadalus 7 und verfaßte für die Synode von Augsburg1062 seine Disceptatio synodalis, die er an Anno von Köln richtete und derenInhalt für die Verhandlungen entscheidend wurde; das Wahldekret Niko-
1 Migne 145,763 ff. 361 ff.
2 Vgl. Roth a. a. 0. 7, 358. — Die Er- 6 Vgl. Neukirch S. 86 ff.
hebung geschah auf Hildebrands Betrei- 7 Das Gedicht 166 (Migne 145, 963) hat
ben, vgl. Ep. 2, 28 (Migne 144, 273B). die Aufschrift Cadaloo non pastori sed an-
8 Vgl. Neukirch a. a. O. 8. 71 ff. \ tiquo draconi;'im Schlußvers (Vs. 25) kün-
4 Vgl. Carm. 149 und 150 (Migne 145, digt er ihm den baldigen Tod an Non ego961CD) und 195 col. 967 A. , te fallo, coepto morieris in anno.
5 Vgl. Neukirch S. 79 ff. und Roth 7,