B. Theoretische und praktische Theologie. Philosophie 69
in den Artes unterrichten ließ und zwar erst in Faenza, dann in Parma(1034). In seiner Vaterstadt Ravenna wurde er darauf selbst Lehrer, aberda der Zug zur Askese in ihm mächtig wurde, so beschloß er, Mönch zu werden,und ging etwa 1035 in das von Romualds Schülern in der Nähe von Gubbiobegründete Kloster Fönte Avellana. Hier lehrte er nun über die hl. Schriftund hielt Predigten und schrieb 1042 das Leben des hl. Romuald. Als eraber in Fönte Avellana Prior geworden war, war er fortgesetzt für die Re-form der Kirche tätig und gründete Klöster in der Umgegend, an derenSpitze er trat. Zudem sorgte er emsig für die Bibliothek von Fönte Avellana,indem er die Bibel von Fehlern möglichst reinigen ließ, die Schriften überdie Leiden der Märtyrer ins Kloster brachte und die Werke der großen Bibel-exegeten von Ambrosius bis auf Beda, Remigius und Amalar, Haimo undPaschasius anschaffte und für die Herstellung guter Texte selbst tätig war.Er wurde nun der strengste Gegner von Simonie und Priesterehe und erging in seiner kirchlichen Gesinnung so weit, daß er die Beschäftigung mitweltlicher Wissenschaft nicht selten als sündhaft bezeichnete. Er, der früherin den Artes unterrichtet hatte, lehnte jetzt Plato, Nikomachus, Pytha-goras, die tragischen 1 und komischen Dichter, die Satiriker, ferner Ciceround Demosthenes völlig ab, und wenn er einmal sagt: „Meine Grammatik istChristus" 2 oder „Du willst Grammatik lernen ? Gut, so lerne das Wort Gottim Plural deklinieren", 3 oder „Der allmächtige Gott braucht unsere Gram-matik nicht", so sieht man deutlich, in welcher Schätzung die weltlicheBildung später bei ihm stand. 4 Jedenfalls schüttet er das Kind mit demBade aus und er verwirft sogar die Beschäftigung der Mönche mit histori-schen Arbeiten. Der Verzicht auf die Welt hat ihn auch auf den weiterenBetrieb der weltlichen Wissenschaft verzichten lassen und er erkennt diesenur als die Dienerin der Theologie an — debet velut ancilla dominae quodamfamulatus obsequio subservire. 5 Diese Worte gebraucht er in der Schrift Dedivina omnipotentia, die hervorging aus einem Gespräch mit Abt Desidervon Monte Cassino, das sich um eine Stelle aus Hieron. Ep. 22 drehte, obGott eine gefallene Jungfrau wiederherstellen könne. Er knüpft daran dieFrage, ob Gott Geschehenes ungeschehen zu machen vermöge, wie etwa dieErbauung Roms, und am Ende kommt er zu dem Ergebnis: „Es lag inGottes Macht, alles ungeschehen bleiben zu lassen, was geschehen ist, undebenso kann er noch heute das Geschehene ungeschehen machen." 6
Auf der andern Seite schickt er seinen eignen Neffen Damianus nachCluni, um Trivium und Quadrivium zu erlernen, und rühmt Hildebrand,daß er die Dichter und Philosophen gelesen habe und so zur Erklärung derhl. Schrift beitragen könne. Und trotz jener Ablehnung zeigen sehr vieleseiner Schriften deutlich, daß er im Altertum wohl erfahren ist und die alten
1 Das kann sich nur auf Senecas Tra- 5 De divina omnipotentia (vom Jahre
gochen beziehen. 1067, vgl. Neukirch S. 109) 5 col. 602G.
' Bpist. 8, 8, Migne 144, 476 C. • Vgl. hierzu J. A. Endres, Petrus Da-
D e sancta simplicitate 1, Mignel45, miani u. d. weltl. Wissenschaft S. 16 ff.
b . 95 ., B - (1910) und M. Grabmann, Gesch. der
ib.3 col. 697 B; vgl. auch ib. 8 col.702 D scholast. Methode 1, 231 ff. Die Stellen
laudabüius est totam artem deo simul offerre sind c.l (Migne 145,5960). 4col.60lC.
quam fructus artis. 5 col. 602 C. 15 col. 619 D.