A. Die kirchliche Streitschriftenliteratur 61
Licht über den Streit zwischen Kaiser und Papst verbreitet. Der Verfasser
legt zuerst dar, daß die Schismatiker zu verabscheuen sind und der Verkehr
mit ihnen zu meiden ist. Dann zieht er gegen die Anhänger des Paschalis
zu Felde, die er mit den Donatisten vergleicht. Er geht vom Verhältnis der
Schismatiker zum Sakramente des Altars zu den Bannungen schismatischer
Fürsten über und schließt mit einer Bulle Urbans IL, die auf Paschalis IL
übertragen wird. Das Werk ist lebendig und eindrucksvoll geschrieben und
verrät einen Verfasser, der auf dem literarischen Gebiet kein Neuling mehr
war. Er benutzt übrigens mehrfach das von Gratian, Kamaldulensermönch
zu St. Felix in Bologna zwischen 1139 und 1142 zusammengestellte Decretum
Gratiani, 1 benannt Concordantia discordantium, das gegen 1150 bekannt
wurde und bald in der ganzen Kirche große Verbreitung erlangte.
Ueberlieferung im Vindob. 2195 (aus Salzburg) f. 136—147 s. XIII. Ausgabe vonJ. Dieterich und H. Böhmer, Libelli de lite 3, 110—130.
42. GERHOH VON REICHERSBERG
Dieser außerordentlich bedeutende und fruchtbare Schriftsteller wurde1093 oder 1094 zu Polling in Bayern geboren. Er besuchte die Klosterschulenzu Freising und Mosburg und erhielt die höhere Ausbildung in Hildesheim.Nach seiner Rückkehr aus Sachsen wurde er durch Bischof Hermann derSchule in Augsburg vorgesetzt, wo er ein sehr weltliches Leben führte. Als derStreit zwischen H einrich V. und Galixt 11. wieder ausbrach, wandte er sich demPapste zu, und da man ihn deshalb aus der Stadt verjagte, ging er ins KlosterRaitenbuch, wo ehedem Manegold als Dekan gewirkt hatte. Nach dem Worm-ser Konkordate kehrte er nach Augsburg zurück, griff aber, da er unbedingtfür die Reinheit der Kirche eintrat, das Leben der Geistlichkeit heftig an,so daß man ihn aufs neue verjagte und er Raitenbuch wieder aufsuchte.Um die Regel des hl. Augustin zu holen, ging er nach Rom, wo er inAnwesenheit des Erzbischofs Norbert von Magdeburg die Hilfe des PapstesHonorius zur Reformierung der Weltgeistlichkeit vergeblich verlangte.Bald darauf wurde er von Bischof Kuno nach Regensburg berufen, derihm aber im Streite zwischen Konrad von Schwaben und Lothar die ParochieCham wieder entzog. Damals schrieb Gerhoh das Werk De aedificio dei.
Nach dem Tode Honorius IL suchte er die Gunst Innocenz IL zu gewin-nen und schickte ihm den Dialog Inter regulärem et secularem und 1132wurde er nach dem Tode Kunos von Regensburg durch Konrad von Salz-burg zum Abt des Klosters Reichersberg erhoben. Bald darauf berief manihn auf Betreiben Bernhards von Clairvaux nach Rom, um dort seine An-schauungen über die Häretikersakramente kundzugeben; diese Reise wurdedie Ursache zur Abfassung seiner Schrift Tractatus de simonia. Seine Vor-liebe für das Klosterleben veranlaßte ihn, im Jahre 1138 ein Nonnenklosternach der Regel des hl. Augustin zu errichten, das der Bischof von Gurkweihte. Fünf Jahre später scheint er den Kardinallegaten Guido nach Böh-men begleitet zu haben, und Guido machte Coelestin IL auf ihn aufmerk-sam, so daß er die Aufforderung erhielt, im April 1144 nach Rom zu kom-
1 Lib. 3, 125, 15 Que si quis plenius cognoscere velit, legat Gracianum vel pociusdecreta pontificum.