A. Die kirchliche Streitschriftenliteratur 33
auf kaiserlicher Seite. Sein Wirken läßt sichnur bis 1092 verfolgen. In der Zeitzwischen dem Tode Gregors VII. und der Wahl Viktors III. (richtiger nochzwischen 15. März und 24. Mai 1086) verfaßte er eine gegen den verstor-benen Papst und seine Anhänger gerichtete Schrift, die er, wie es scheint,auf Wiberts Befehl schrieb, und zwar mit dem Hauptzweck, die gemäßigtenGregorianer zur Beendung des Schismas und zur Anerkennung Wibertszu bewegen. Er stellt die Veranlassung so dar, daß er nach einer mündlichenAuseinandersetzung innerhalb seiner Partei von seinen Genossen gebetenworden sei, einen Bericht darüber niederzuschreiben, wie das Schisma ent-standen und wie es zu bekämpfen sei. So stellt er zuerst die Dinge und Gründedar, die für Gregor VII. sprechen, um dann zum Angriff gegen ihn über-zugehen. Er beginnt daher mit der Wahl Gregors 1 und läßt dessen Lebendurchaus Gerechtigkeit widerfahren, so daß er den Eindruck völliger Un-parteilichkeit macht. Aber er sucht nachzuweisen, daß Wibert der recht-mäßige Papst ist, und zeigt die Gründe für die Notwendigkeit der kaiser-lichen Investitur auf. Im zweiten Buche hat er den Dialog angewandt undzwar zwischen dem Proponenten und Respondenten; daher ist dieser Teilder Untersuchung, der ein eigenes Vorwort erhalten hat, 2 besonders belebtund eindrucksvoll. Aber der Stil ist doch auch im ganzen glatt und gefälligund sehr lesbar, und man merkt es der Schrift deutlich an, daß sie mitihrem schönen Stil einen bedeutenden Eindruck erzeugen will. Bei demmaßvollen Tone und bei dem angeblichen Mangel an jeder Voreingenom-menheit in Verbindung mit dem schönen Äußeren erscheint die Schriftals das Werk eines gebildeten und geistig hochstehenden Mannes von nichtgeringem literarischen Takte. 3 Dazu bringt der Verfasser für die Geschichteder Jahre 1084 und 1085 viel wichtiges Material. Von schriftlichen Quellenwerden, wie üblich, die Väter und die Papstdekrete (auch Pseudoisidor)reichlich benutzt, da aber K. Panzer nachwies, 4 daß Wido den zweitenBrief Anselms gegen Wibert und dessen Antwort auf den ersten Briefstark benutzt hat, so braucht nicht viel kanonistische Gelehrsamkeit beiihm übrig zu bleiben, zumal wenn Dümmlers Ansicht richtig ist, daß erseinen Rechtsstoff außerdem aus gleicher Quelle wie Deusdedit, nämlichvielleicht aus Anselms Collectio canonum entnommen hat.
Widos Stil ist vielfach sallustisch gefärbt, wie er mit Vorliebe den histori-schen Infinitiv gebraucht; hier hat Dümmler in seiner Ausgabe dasNötige schon bemerkt. Sein Werk wird nirgends benutzt und nirgends an-geführt und scheint höchst selten gewesen zu sein.
Ueberlieferung. Einzige Hs. (aus Freising) in München ehedem im Besitz vonv. Maffei, s. XI — XII, verschollen und jetzt wieder aufgetaucht. Ausgaben von R.Wil-mans, MG. SS. 12,148—179; von E. Dümmler, Lib. de lite 1, 532—567; jetzt neueKollation der Hs. Lib. de lite 3, 731 ff. Vgl. Baxmann, Politik der Päpste 2, 336.E. Bernheim, Forschungen zur deutschen Geschichte 15, 635. 16, 284. Bernh. Leh-mann-Danzig, Das Buch Widos v. Ferrara „Ueber das Schisma des Hildebrand",Freiburg i. Br. 1878. K. Panzer, Wido von Ferrara de scismate Hildebrandi, Leipzig1880. C. Mirbt, Die Stellung Augustins etc. S. 40—45 und Publizistik etc. S. 40 f.Wattenbach 2, 231 f. Hauck 3, 851. Faksimile aus der Hs. Libelli III, 730/731.
1 Vgl. 1,1 (p. 534, 6) Nam ut a viris re- Quod si non ut volui feci, feci tarnen ut potui.ligiosissimis didici et fama jerente cognovi. 3 Zum Inhalt vgl. Panzer S. 25—38.
2 Hier heißt es von Buch I (p. 550,11) 4 Wido von Ferrara S.3ff. 11—17.57—63.
H. d. A. 1X2, 3 3