Einleitung 15
antiken Mythologie, und es werden Gegensätze aus dem natürlichen sowieaus dem gesellschaftlichen Leben behandelt, und auch die Liebe spielt zu-weilen herein.
Eine ganz außerordentliche Ausdehnung hat in unserem Zeitraum dieweltliche lyrischeDichtung erhalten, wenn auch viele einzelne Stücke nurmit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in ihn verlegt werden können. DieseAusdehnung hängt zusammen mit der Steigerung des Persönlichkeitsgefühls,die hauptsächlich durch die Kampfstimmung der Zeit gekommen war. Dasdie Nationen früher einigende kirchliche Band war durch den deutschenKirchenstreit zerrissen und die Nationen selbst waren immer mehr aus-einandergetreten und allerhand völkerpsychologische Bemerkungen findensich in der Literatur zerstreut. Wenn auch bei vielen Menschen das geistigeLeben nicht anders als früher verlief, bei den mehr begabten Köpfen machtsich doch damals der Zug zum Eigenen, der Hang am Persönlichen geltend.Damit ist die stärkere Regung des geistigen und des Gefühlslebens gegeben,und da infolgedessen Neigung und Abneigung kräftiger zum Ausdruckkommt, so wird die Lyrik nicht wenig beeinflußt. Wir kannten sie infrüheren Zeiten fast nur als Ausdruck des religiösen Gefühls, doch hatte sieinzwischen ihr Gebiet schon erweitert, indem sie Geschichtliches aufnahmund der Dichter sich bedeutende Personen und Ereignisse als Stoff für seineLieder wählte; dadurch wurde die Grundlage zu den späteren historischenVolksliedern geschaffen. Aber auch die Betrachtung der Natur und ihrerSchönheiten zog in das Lied ein; geweckt wurde sie wohl hauptsächlich durchdie antike Bukolik und durch Ovid, aber auch durch wissenschaftlicheAutoren wie Plinius und Isidor, sowie durch den Wechsel der Jahreszeitenund wohl auch durch den Klostergarten. Mit der Wiederkehr des Frühlingsaber verknüpft sich beim Menschen ja so gern die Liebe, doch dieser Stoffwar in früheren Zeiten, als man das Naturlied noch nicht kannte, so gut wieausgeschlossen. Welche vortrefflichen Lehrmeister hatte man aber jetzt anden alten Dichtern für das Liebeslied! Das freier gewordene Menschentumund der erwachte Natursinn gaben den Inhalt, Gedanken und einen Teil derForm gab die Beschäftigung mit dem Altertum in der Schule. Auch dasZölibat mag eingewirkt haben, indem die unerfüllte Liebessehnsucht imLiede zum Ausdruck kam. Ebenso mag der Marienkultus manches Liebes-lied hervorgebracht haben, der im Hohenliede vielfach die Grundlage fürden äußeren Ausdruck fand. Daneben sind es andre persönliche Schicksale,die der Lyriker in seinem Gedicht behandelt, er spricht von den Irrfahrtenseines Lebens, von Freude und Leid, die seinen Weg gekreuzt haben. Beidem umherschweifenden Leben vieler Kleriker war aber das um eine Gabegedichtete Lied nichts Seltenes, wie auch das Trinklied keine geringe Rollespielte. Wir wissen übrigens seit kurzem, daß der Name Golias — PluralGoliarden —, mit dem die Vertreter weltlicher Lyrik öfters bezeichnetwerden, schon in die karolingische Zeit zurückreicht und auf Sedulius Scot-tus zurückgeht, wie überhaupt die Iren damals schon in gewisser Weise dieVertreter der späteren Goliarden sind. 1
1 Vgl. J. Jarcho, Die Vorläufer des Golias, Speculum 3, 523—579 (1928).