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3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
Entstehung
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16 Einleitung

Da sich in dieser ganzen Lyrik wir nennen sie meist mit dem wohl nursehr teilweise berechtigten Namen Vagantenlieder wirkliche Perlen derWeltliteratur bergen, so ist es für uns heute recht unangenehm, daß ihreÜberlieferung sich vielfach ganz im Argen befindet und das Einzelne oft nurrecht mühsam gesäubert werden kann. Das hängt aber vielfach damit zu-sammen, daß bei weitem die meisten dieser Lieder anonym überliefertwerden, so daß sie sich nicht nur Verkürzungen, Zu- und Umdichtungengefallen lassen mußten, sondern auch Dichtern beigelegt wurden, mit denensie überhaupt nichts zu tun hatten. Nur von den ganz großen Lyrikernhaben sich Sammlungen erhalten, die freilich in der Überlieferung auchübel genug behandelt worden sind. So kommt es, daß wir heute bei sehrvielen ungemein zarten und reizvollen Liedern den Namen des Verfassersnur ungern vermissen.

Zu dieser eigentlichen Lyrik gesellen sich dann noch Gedichte ernstererArt, in denen es sich hauptsächlich um die kirchliche Parteistellung handelt,die Rom und der Kurie gegenüber oft recht scharf auftritt und auch mitden Reformen gewalttätig umspringt. Aber nicht nur die Geldsucht derKurie wird oft schonungslos verspottet, auch die Herrschaft des Geldes inder Welt wird gebrandmarkt und allerhand Untugend an den Prangergestellt.

Diese Gedichte aber bilden den Übergang zur geistlichen oder religiösenLyrik, die in unserer Periode eine sehr große Ausdehnung erhalten hat.Auch sie fußt, wie die profane Lyrik, auf der Schule, wo man, als einenTeil der Grammatik, ihre Formen wie auch ihre dichterische Sprache sorg-fältig erlernen mußte. Die Regeisterung des Dichters gab diesem den schwung-vollen Ausdruck für seine Gedichte, und es winkte ihm ja vielfach der Lohn,daß seine Lieder Teile des Gottesdienstes werden konnten. HinreichendesStudium der Ribel und der Kirchenväter stattete den Dichter mit poetischenRudern und der notwendigen Allegorie reichlich aus, und der Glaube, eingutes Werk zu tun, ließ in ihm den Willen zur Dichtung rege entstehen. Sokommt es, daß die meisten bekannten zeitgenössischen Dichter auch diereligiöse Lyrik pflegen, indes ungleich größer ist die Zahl der unbekanntgebliebenen Lyriker gewesen, da ihre Werke zur Legion anschwellen. Dasnimmt aber kein Wunder, denn die einzelnen Länder, Gebiete, Städte undKlöster hatten ihre Sonderheiligen und Patrone, die doch nach Ordnung desGottesdienstes sämtlich mit Hymnen und andern geistlichen Liedern be-dacht werden mußten. Daher hat kein Gebiet der mittelalterlichen latei-nischen Literatur auch nur im entferntesten so viel Produktion aufzuweisenwie die religiöse Lyrik.

In einem recht sonderbaren Verhältnis steht das mittelalterliche Dramazum antiken. Als Grundlage kommt hier nur die antike Komödie in Retracht,denn die Tragödien Senecas schalten als dem Mittelalter fast unbekanntaus. Aber auch die Stücke des Plautus haben nur insofern auf die spätereZeit Einfluß gewinnen können, als die Aulularia und der Amphitruo inProsabearbeitungen unter den Namen Querolus und Geta bekannt waren;die acht ersten plautinischen Stücke fanden sich wohl in einzelnen Riblio-theken, aber ohne weitere Verbreitung, während die letzten zwölf Stücke