14 Einleitung
bildung und Entwicklung aber hat das moralische Epos und namentlichdie Fabel erhalten, die im Avian, Äsop und Romulus mehrfach umgebildetwurde und in der Tiersage wenigstens ein sehr bedeutendes Werk auf-weist. Auch das Epigramm ist seit langer Zeit eine beliebte Dichtgattunggewesen und es ist durch die scharfe Beobachtungsgabe der Engländer zusolcher Ausbildung gelangt, daß man die Stücke des gewandtesten Epi-grammdichters dem „Martialis Gocus" zulegte. Sehr beliebt war die in letzterLinie auf Prudentius zurückgehende allegorische Dichtung, hing doch mitder Allegorie die eine Seite der Bibelerklärung aufs engste zusammen undwar die Allegorie eines der geschätztesten didaktischen Ausdrucksmittel. Esist daher nicht zu verwundern, daß wir in unsrer Periode, die ja die Glanz-zeit der mittelalterlichen Poesie darstellt, mehrere höchst bedeutende alle-gorische Epen finden; den Höhepunkt dieser Dichtart bezeichnet freilicherst die in der Volkssprache verfaßte Divina commedia Dantes.
In der kirchlich-religiösen Epik, die einen bedeutenden Teil der Dichtungbildet, steht an erster Stelle die Bibeldichtung. Das Gebiet der HeiligenSchrift ist ja ein so umfassendes, daß das Herausgreifen einzelner Teile zurdichterischen Behandlung fast unübersehbare Möglichkeiten bot. Es hatallerdings auch nicht an Versuchen gefehlt, den ungeheueren Stoff im ganzendarzustellen, doch ist dann der Dichter an der Größe des Unternehmens ge-scheitert. So besitzen wir in unsrer Zeit eine Anzahl von Epen über biblischeStoffe von meist alttestamentlicher Herkunft; dieser Teil der Bibel hatteja von jeher viel mehr zur poetischen Behandlung eingeladen als das NeueTestament, und so überwiegen auch in unsrer Zeit die Gedichte über dieSchöpfung. Aber auch Stoffe, die in das Gebiet der Dogmatik und derchristlichen Moral gehören, werden häufig behandelt und außerdem botendie Heiligenleben eine stets höchst beliebte Grundlage für die Dichtung.
Bei der großen Bedeutung, die die Poesie für die gesamte Literatur unseresZeitraumes besitzt, ist es selbstverständlich, daß die Gedichte persönlichenInhalts sehr stark hervortreten. Hier spielt das Zeit- und Gelegenheits-gedicht eine große Rolle, das zu persönlichen Mitteilungen aller Art, sowiezur Darstellung von den Zuständen und Verhältnissen der Gegenwart be-nutzt wurde und sich daher öfters dem didaktischen Epos nähert. Darinist der poetische Brief inbegriffen, der zuweilen zu einer großen Dichtunganschwillt und häufig wegen seines persönlichen Gepräges die wichtigstenliterarhistorischen Fingerzeige und außerdem oft lebendige Bilder von derUmwelt des Schreibers gibt. Zuweilen findet man hier auch Nachbildungender antiken elegischen Poesie und nicht selten artet das Persönliche inscharfe Satire aus, die sich besonders gern gegen den hohen Klerus undgegen die Kurie richtet.
Eine dem Mittelalter eigentümliche poetische Gattung ist das Streit-gedicht, das seinen Ursprung wohl hauptsächlich der Rhetorenschule ver-dankt, wo seit dem Altertum Streitfragen als Aufgaben gestellt wurden.Solche Kontroversen hatte einst Dracontius dichterisch behandelt und auchin der karolingischen Zeit zeigen sich Spuren davon. Jetzt aber werden eineganze Menge Stoffe in diese Dichtgattung hineingezogen. Gegenstände ausder Bibel und aus der christlichen Moral erscheinen neben solchen aus der