Einleitung 13
konnten, wie etwa die Ledasage oder die sehr häufig dichterisch verwerteteErzählung von Pyramus und Thishe. Eine große Rolle spielte ferner dietrojanische Sage, wozu man Dares als Hintergrund nahm; die Behandlungdes Josephus Iscanus gehört zu den bedeutendsten Leistungen auf demGebiete des historischen Epos. Aber auch die Alexandersage hat Anlaß zueiner hervorragenden epischen Dichtung gegeben, die im ganzen späterenMittelalter bewundert wurde und auch heute noch Beachtung verdient.
Das sind freilich nur Reminiszenzen aus einer längst untergegangenenWelt, die immer nur mit Hilfe von antikem Flickwerk zurechtgemachtwerden konnten. Viel wichtiger sind natürlich die epischen Dichtungen, diedem Stoffe nach aus der Geschichte der Gegenwart genommen wurden.Hier gaben entweder große fürstliche Persönlichkeiten den Hintergrund,wie Heinrich IV., Friedrich I., Heinrich VI., Wilhelm I. von England, dieGroßgräfin Mathilde vonTuscien, oder der Todesfall hervorragender Kirchen-fürsten, oder die bedeutenden kriegerischen Leistungen der Städte Ober-und Mittelitaliens, oder die tapferen Taten der Normannenfürsten, oder auchwichtige Ereignisse in geistlichen Stiftern; endlich bot auch der Orient derDichtung vielfach stoffliches Interesse, da er die Heimat Mahomeds unddas Ziel der Kreuzzüge war, die auch dichterisch häufig behandelt wurden.
Alle Wissensgebiete hatte sich die Kirche assimiliert und da sie in jederBeziehung belehrend auftrat, so ist auch das Gebiet der didaktischen Poesieein sehr umfangreiches. Zunächst haben wir es mit der Umdichtung antikerWissenschaft und der Weiterbildung antiker didaktischer Poesie zu tun.Einen seltsamen Eindruck macht es jedenfalls, wenn man in unsrer Periodeso umfängliche Schriftsteller wie Valerius Maximus, Martianus Capella oderPriscian in Verse umsetzen wollte, denn entweder blieb man mitten in derArbeit stecken oder man begnügte sich mit einem ganz kurzen Auszug inVersen, wie es z. B. bei Solin der Fall ist. Eine weitläufige dichterischeLiteratur aber hat sich an die Dicta (Disticha) Gatonis angeschlossen, dienicht nur vielfältig neu bearbeitet, in Leonini umgeformt, in Rhythmen um-gedichtet, sondern auch mit Anhängen und Zusätzen versehen wurden. DieseMoralfibel wurde zugleich im Verein mit Publilius- und Senecasprüchen derAusgangspunkt für eine weitverzweigte Spruchliteratur, deren einzelneGlieder entweder zu größeren Sammlungen vereinigt oder mit antikemStoff zu Florilegien zusammengestellt wurden; eine besondere Gruppe fürsich bilden später die Tischzuchten, die sich an ähnlich moralisierendeGedichte anschließen. Alle diese Stoffe gründen in gewisser Weise in derantiken Spruchpoesie, sie vereinigen aber damit die biblische Spruchweis-heit und die mittelalterliche Gedankenwelt.
Häufig ist dann in der eigentlich didaktischen Poesie die Behandlung vonGegenständen aus den Artes liberales, und so wenig auch die Dichtungeigentlich mit der Grammatik zu tun hat, so finden sich doch eine ganzeReihe didaktischer Epen aus dem grammatischen Gebiete; es scheint, daßman durch diese Form der Erlernbarkeit des Stoffes Vorschub leistenwollte, und dem entsprechen auch die häufigen Zitate, die in Prosawerkenaus solchen Dichtwerken gemacht wurden. Viel seltener aber sind Epenaus dem Gebiete der Naturkunde und der Philosophie. Eine reiche Aus-