12 Einleitung
gestaltung des Lebens dieses Propheten erfuhr. Die Geographie endlich istfast noch von der des Altertums abhängig und weist in der modernen Dar-stellung nur ganz wenige Werke von selbständiger Bedeutung auf; aller-dings enthalten geschichtliche Werke zuweilen größere geographische Ab-schnitte.
Aber alle Gebiete des mittelalterlichen geistigen Schaffens umspannt dieDichtung; wo sich literarische Produktion zeigt, tritt sie der Prosa zurSeite. Sie vermittelt nicht nur die Gefühlswelt des Dichters nach außen,sondern hat auch Religion und Theologie, geschichtliche Darstellung, diefreien Künste und die Wissenschaften in ihren Bann gebracht. Überall istsie tätig, denn in allen Schulen wird sie gelehrt, wie es schon im späterenAltertum der Fall war. Doch hat sich ihr Gebiet seitdem eben ungemeinverbreitert, da man jeden Stoff in ihr für darstellbar hielt. Das bezieht sichnamentlich auf unsre Periode, in der die Dichtung ganz und gar zur Mode-sache geworden war. Mit Hilfe antiker und mittelalterlicher metrischer Lehr-bücher und Poetiken und einer sehr ausgedehnten Lektüre poetischer Werkewurde dem jungen Schüler Inhalt und Form der Poesie nahegebracht, sodaß er mit gehöriger Anspornung des Ämulationstriebes bald selber zurProduktion imstande war. Andrerseits brachte der Gottesdienst den jungenKleriker in unausgesetzte Berührung mit der religiösen rhythmischen Poesie,so daß ihm deren Formen- und Gedankenwelt vollständig vertraut wurdeund er selbst den Versuch machte, sich auf diesem Gebiete zu betätigen.
Wie weit die Lektüre der alten Dichtung in der Schule ging, dafür habenwir in unsrer Periode mehrfach genauere Berichte. So teilt Aimericus indem Werk De arte lectoria die zu lesenden Schriftsteller in drei Teile undführt an unter den aurei auctores Terenz, Vergil, Horaz, Ovid, Lucan,Statius, Juvenal, Persius, unter den argentei auctores Plautus und Ennius,unter den communes auctores Gato, Homer, Maximian, Avian, Äsop. Ineiner Schrift über Schullektüre vom Ausgang des 12. Jahrhunderts 1 werdender Reihe nach erwähnt Gato, Theodul, die Eklogen der Bucoliker, dieThebais, Aeneis, Lucan, Juvenal, Horaz (Sermonen, Episteln, Oden), OvidsElegien, Metamorphosen und Fasten, Statius' Achilleis, Virgils Bukolica undGeorgica, Martial, Petronius, Senecas Tragödien. Zu diesen Aufzählungengibt Eberhardus Alemannus im Laborintus 2 aus den alten Autoren nur eineErgänzung bezüglich christlicher Dichter (Sedulius, Arator, Prudentius),während er Vertreter der mittelalterlichen Poesie in großer Zahl anführt,was bei dem gleichfalls erst dem 13. Jahrhundert angehörenden Hugo vonTrimberg in seinem Registrum multorum auctorum 3 noch viel mehr derFall ist.
Bei den ausgebreiteten Studien, die man der Antike widmete, war esselbstverständlich, daß sich die Dichtung Stoffe aussuchte, die zur Mytho-logie und zur Geschichte des Altertums gehörten. Namentlich waren hierStoffe beliebt, die an der Hand von Ovid und Fulgentius behandelt werden
1 Aus Gantabrig. Gonv. et Caius Coli.385 2 Gedruckt bei Fabricius 1, 487 ff. und
s. XIII p. 47 f. gedruckt von Ch. H. Has- E. Faral, Les arts poetiques du XII 6 et
kins, Harvard Studies in Class. Philol. 20 XIII" siecles p. 337—377.
(1909), 90 ff. 3 Hrsg. von J. Huemer, Wiener SB.116.