Einleitung 9
allgemeinen Bewunderung der antiken Zivilisation und Kultur durch diegebildeten Stände. Sie ist nicht mehr ganz so groß wie früher und es lassensich schon abmahnende Stimmen hören, aber noch steht alles, was mitdem Altertum zusammenhängt, in hohem Ansehen.
So hat sich ja auch längst die antike Moral neben die christliche ge-drängt, der antike Sinnspruch hat sich seinem christlichen Bruder an-gehängt und eine große Zahl von Spruchversen aller Art hat man ausdem ungeheuren Behältnis antiker Dichtung hervorgeholt und in Blüten-lesen zusammengestellt, um den Sinn der Jugend daran zu schärfen undsie vor Verlockungen zu hüten. Die biblische Spruchweisheit genügte ebennicht mehr und der Wohlklang und Reiz römischer Verse kam dazu;konnte man ja auch an ihnen die Grammatik vortrefflich demonstrieren,die Grammatik, die das römische Altertum einst jenen Versen auf denLeib geschrieben hatte.
An der Spitze der Artes steht die Grammatik, deren Gebiet im Mittel-alter einen sehr breiten Raum einnimmt, da die ganze Philologie mit ihrenNebenfächern dazu gerechnet wird. Während in unserm Zeitraum einigeauf das ganze Gebiet der Artes sich beziehende Werke erschienen und sogarder Versuch zu einer neuen Sprache gemacht wurde (Hildegard), beziehensich die meisten der innerhalb der eigentlichen Grammatik verfaßtengrößeren Werke auf die Poetik, Prosodie und Aussprache, doch erhieltenauch die früheren lexikographischen Arbeiten ihre Fortsetzung nach ver-schiedenen Richtungen hin. Häufig werden Kommentare zu Schriften ausdem Altertum verfaßt, auch werden Exzerpte aus der antiken Prosa an-gelegt. Aber auch die Archäologie, die sich bisher fast nur in der Beschrei-bung der heiligen Stätten in Palästina gezeigt hatte, erweiterte ihr Feld undwir treffen neben einer kurzen poetischen Darstellung über die WunderRoms auch eine Beschreibung in Prosa und sogar einen Bericht über diealten Kunstwerke Roms und über ihren Zustand an. Viel stärker als frühertritt die Novelle, die Erzählung in Prosa, auf, die besonders durch den Orientbeeinflußt ist; zu ihr gesellen sich sogar schon einige Liebeslehren. Daß zueiner Zeit, da Abaelard, Adam de Parvo Ponte und Johann von Salisburyin Frankreich lehrten und lernten, die Dialektik bedeutende Arbeiten auf-wies, ist selbstverständlich; doch sind die erhaltenen Schriften nicht ebenzahlreich, und das gleiche läßt sich von den Arbeiten über Rhetorik be-haupten. Welchen Einfluß aber diese Disziplin auf unseren Zeitraum ge-habt hat, läßt sich nicht zum wenigsten aus seiner außerordentlich großenBrief literatur erkennen. Denn es hatte sich mit der Zeit eine wirkliche Brief-lehre ausgebildet, die einen Teil der Rhetorik bildete, und Briefsteller, indenen das Briefschreiben als eine Kunst gelehrt wurde, haben sich in nichtgeringer Zahl erhalten. Hier galt es nicht nur die einzelnen Teile des Briefesrichtig auseinanderzuhalten, sondern auch je nach dem Adressaten denpassenden Stil anzuwenden. Und von diesem Standpunkte aus gesehen sinddie vielen großen Briefsammlungen, die auf uns gekommen sind, nicht nuraus persönlichem, sondern auch aus sachlichem, formalem Interesse ab-geschrieben worden, nämlich um in der Zukunft als Muster zu dienen, wieman ja auch den Briefstellern wirkliche oder auch erdichtete Briefe als