Einleitung 7
späteren Mittelalters wurde. Hatte die Kirche einst in ihrer frühesten Zeitdie Ausgestaltung ihrer reichen Gedankenwelt den Griechen verdankt, soschloß sie jetzt mit den hervorragendsten altgriechischen Geistern einenneuen Pakt und ließ sich von ihnen neues Leben einhauchen. Denn wir sindheute doch schon weit von der früheren Auffassung der sogenanntenScholastik entfernt, in der man lange Zeit eine völlige Verknöcherung derkirchlichen Wissenschaft gesehen hat; wir wissen, daß jene Verbindungvon Philosophie und Theologie eine Förderung der Philosophie innerhalbihrer Gesamtentwicklung bedeutet.
Außerdem aber trugen die bedeutenden Geister der Zeit dazu bei,daß eine ganze Fülle von pastoral- und moraltheologischen Schriftenentstand, die sich zum Teil neuen Problemen hingaben, teilweise abernoch an ältere Themen anknüpften. Und mit dem großen Aufschwüngeder biographischen Tätigkeit sowie mit der Steigerung des Heiligenkultushängt es zusammen, daß die hagiographische Literatur bedeutend an-wächst und auch einen nicht geringen Einfluß auf die Volksliteraturausübt.
Es darf allerdings nicht daran gedacht werden, als habe sich die theo-logische Wissenschaft in der Erklärung der christlichen Heilswahrheitendurch ihre enge Verbindung mit der antiken Philosophie etwa der Fesselnzu entledigen gesucht, die die Patristik seit alten Zeiten um sie geschlungenhatte. In gewisser Weise ist das Gegenteil der Fall. Denn die Ideen Augu-stins, des tiefsten Denkers der gesamten christlichen Welt, feierten jetztgerade ihre Auferstehung: sein Gottesstaat, in früheren Zeiten nur wenigverstanden, gelangte jetzt unter den wissenschaftlichen Theologen zu wirk-licher Anerkennung, nachdem das Verständnis für den schwer zu fassendenInhalt dieses Werkes durch den großen Streit zwischen Staat und Kircheund durch die Anlehnung der Theologie an die Philosophie der christlichenWelt immer mehr aufgegangen war. Augustinische Ideen kommen zur Gel-tung, bis in der nächsten Periode der Abschluß der christlichen philoso-phischen' Spekulation durch die großen Gelehrten Albertus Magnus undThomas von Aquino erfolgte.
Während man nun in Deutschland und in Italien die prinzipiellenKämpfe über die Superiorität von Kirche oder Staat ausfocht, wurde Frank-reich immer mehr der Boden, auf dem die Philosophie, die freien Künsteund die damit verbundenen Wissenschaften zu hoher Blüte gediehen. Einsthatten in Deutschland Fulda, Reichenau und St. Gallen als hervorragendeSitze geistiger Kultur geblüht, aber der große Kirchenstreit ließ eine all-mähliche Verödung eintreten, so daß die lernbegierigen Kleriker jetzt nochmehr nach Frankreich wanderten als früher. Ehedem waren unter den fran-zösischen Schulen die von Fleury und von Chartres die bedeutendsten ge-wesen, Fleury aber hatte seinen Ruhm an das benachbarte Orleans, Chartresan Paris abtreten müssen. Beide Hochschulen standen in einem gewissenWettbewerb, denn nach Orleans hatte sich das ehedem in Fleury so blü-hende Studium der Auetores begeben, während das in Chartres früherunter Fulbert hervorragende Studium der Philosophie nach Paris gewan-dert war; räumlich davon weit getrennt war die Schule von Montpellier,