Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
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722
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722 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.

nächststeh enden Gesellschaftskreise und dann auf die fol-genden übertragen worden ist, so auch hier. In einemHause, in dem man auf Formen hält, lautet die Bezeich-nung der Mitglieder desselben im Munde der Dienerschaftnicht: Ihr Herr Vater, Sohn, Gemahl, Ihre Frau Gemahlinu. s. w., sondern: der Herr oder die Frau Geheime Rathoder der gnädige Herr, die gnädige Frau; für die Diener-schaft existiren die Beziehungen der Familie nicht. Da-gegen existiren sie allerdings für denjenigen, der demAngeredeten nahe steht. Das Wohlwollen, das er fürletzteren hegt oder zu hegen vorgibt, bewährt sich daran,dass ihm jene Personen nicht als völlig fremde, gleich-gültige gelten, sondern dass er auch ihnen sein Interessezuwendet, und dies beweist er eben dadurch, dass er ihrVerhältniss zum Angeredeten in Bezug nimmt, das Gegen-theil würde sagen: Deine Angehörigen interessiren michnicht. Wie es in Verhältnissen, die zwischen diesen bei-den: dem Devotions- und Wohlwollensverhältniss in derMitte liegen,' gehalten wird, kümmert mich nicht, nachmeinen persönlichen Erfahrungen weicht hier die Sitte inden verschiedenen Ländern und selbst in verschiedenenGegenden von einander ab, für meinen Zweck genügte eszu constatiren, dass der Gebrauch des Pronomen possessi-vum überhaupt von der modernen Höflichkeit beanstandetworden ist.

Ich bin mit meinen Untersuchungen der Sprache derHöflichkeit fertig. Der Leser mag jetzt entscheiden, ob