Die dritte Person des Plural. 715
Anerkennung der Würdigkeit der Person, das deutscheer und sie nicht. »Er« passte ebenso gut für den Hand-werksburschen, Hausknecht, Tagelöhner, Scharfrichter, wiefür den General und Minister*), »sie« ebenso gut für dieKammerzofe, die liederliche Dirne wie die vornehme Dame,»Er« und »sie« liess der Vorstellung freien Spielraum, sichdabei alles Mögliche zu denken, das Gemeinste, Verächt-lichste wie das Ehrenvollste, es war ein weiter Mantel,unter dem Alles Platz fand, während die italienische undspanische Pronominalform nur der achtungsvollen VorstellungRaum bot. Dazu gesellt sich noch ein anderer Unterschiedzwischen beiden Formen, der vielleicht ebenfalls mitge-wirkt hat, die deutsche zu discreditiren, nämlich die Diffe-renzirung des Pronomens nach Verschiedenheit der Ge-schlechter. Alle andern Pronominalformen sind geschlechts-los : Ich, Du, Wir, Ihr, Sie; Geschlechtslosigkeit aber istdas Höchste, wozu sich die Höflichkeit bei der Flucht vordem Persönlichen erheben kann, und in den Begriffsnamen(S. 682), die für beide Geschlechter in gleicher Weise zurAnwendung gelangen, hat sie diesen höchsten Gipfel inder That erstiegen. Die italienische und spanische Formdes Pronomens stimmten dazu, die deutsche nicht.
Der Missgriff, den die deutsche Höflichkeitssprachedamit begangen hatte, dass sie anstatt des abstract zu
*) Bei ihnen blieb es im Munde der Souveraine noch bis inunser Jahrhundert hinein. Friedrich Wilhelm III. vertauschte eszuerst mit Sie.