71() Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
der Sitte vermochten sie nichts anzuhaben, die Zeit desDu als allgemeine Anredeform war vorüber und wird eswahrscheinlich für immer bleiben.
Sehen wir jetzt an, was die Sprache im Laufe derZeit für das Du an ihre Stelle gesetzt hat.*)
I. Das Ihr.
Historisch taucht dasselbe meines Wissens zuerst alsEcho des Wir der spätem römischen Kaiser auf — nenntder Kaiser sich Wir, so muss derjenige, der ihn anredet,sich des Ihr bedienen, der Pluralis majestaticus der zweitenPerson ist die etikettenmässige Erwiderung des der erstenPerson. So machte es im vierten Jahrhundert Symmachusin seinen Briefen an den Kaiser, während Plinius den-selben noch mit Du anredete. Vom byzantinischen Hofeging das Ihr in den Curialstyl der germanischen Höfe(Theodorich), dann der Kirche und endlich in die Um-gangssprache über, im neunten Jahrhundert findet sich
*) Einiges von dem Material, das ich im Folgenden verwenden■werde, habe ich entnommen aus Gedicke, Vermischte Schriften,Berlin 1801, S. 101 ff.: lieber Du und Sie in der deutschen Sprache(geistvoll), G. Sauppe, Wanderungen auf dem Gebiete der Spracheund Literatur, 1868, S. 76ff., A. Eckstein, Jahrb. für Philol. undPädagogik von Masius, Bd. 15 (1869), S. 469ff. Vollständig ist dasMaterial, das diese Abhandlungen bieten, aber bei weitem nicht, dieParallelen, welche die aussereuropäischen Sprachen darbieten, sindin ihnen gar nicht benutzt. Ich kann nicht unterlassen, den Wunschauszusprechen, dass unsere Akademien einmal das Thema, das ichim Folgenden behandele, zum Gegenstande von Preisschriften machenmöchten, richtig behandelt würde es eine in socialpolitischer (Gegen-salz der Stünde — allmähliche Ausgleichung desselben) und sprach-licher Beziehung höchst werthvolle Ausbeute gewähren.