Die Syntax der Höflichkeit. — Du. 709
3. Das Du.
Das Ich hat seine Stellung in der Höflichkeitsspracheder europäischen Völker im Wesentlichen unangefochtenbehauptet, das Du hat es nicht vermocht, alle modernenVölker haben ihm den Krieg erklärt, bei einigen, z. B. denEngländern und Holländern, ist es aus dem Leben so gutwie verschwunden, nur im Kirchengebet hat es sich inder Anrede an Gott noch behauptet, bei andern hat sichder Gebrauch desselben erhalten, aber innerhalb engerGrenzen, die wiederum bei verschiedenen Völkern variiren*).Zur Zeit der französischen Revolution machte man inFrankreich den Versuch, das als aristokratisch anstössiggewordene vous durch das demokratische tu zu verdrän-gen, wie die Anredeform monsieur durch citoyen, alleinder Versuch erwies sich als völlig erfolglos, die Jakobinerbrachten es fertig, den Staat aus den Angeln zu heben,
*) Diese positive Seite der Frage hat für mich kein Interesse.Den weitesten Spielraum dürfte das Du bei uns in Deutschland ein-nehmen. Es kommt in zwei Anwendungen vor, als Du der Liebe,Freundschaft, Vertraulichkeit — in dieser Anwendung erstreckt essich bei uns bis in die allerhöchsten Kreise hinauf — und als Duder minderen Achtung, so in Anwendung auf Dienstboten, in vielenGegenden auf alle Kinder ohne Unterschied, wahrend in andern auchdie Kinder mit Sie angeredet werden und — im Zuchthause gegendie Sträflinge. Im Allgemeinen kann man als Regel aufstellen: derGebrauch des Vornamens und des Du gehen bei uns Hand in Hand,während der Eigenname bald Du, bald Sie zum Begleiter hat. Beiuns darf heutzutage selbst der gemeine Soldat nicht mehr mit Duangeredet werden, ebensowenig der Schüler der höheren Classen.In Russland hat sich das Du im Munde des gemeinen Mannes nochin der Anrede an den Kaiser behauptet, ebenso auf dem Lande inNorwegen an den König.