Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
707
Einzelbild herunterladen
 

Die Syntax der Höflichkeit. Wir. 707

sich und die höchsten Beamten (S. 680) aufbrachten, eswaren die sprachlichen Reservatrechte des Kaiserthums,ein würdiges Seitenstück zu der Purpurdinte, die derKaiser ebenfalls ausschliesslich dem eigenen Gebrauchevorbehielt. Während der -pluralis majestaticus das Ich alszu niedrig und gemein zurückweist, entschlägt sich derPluralis reverentialis desselben als zu anmassend. Es istdas Wir der Schriftsteller, Redner, akademischen Lehrerin den Wendungen: wir haben gezeigt, gefunden u. s. w.Die Absicht, die dem zu Grunde liegt, ist nicht die, dasIch künstlich aufzubauschen, es ist nicht das Wir desVertreters der Presse, der das beneidenswerthe Gefühl hat,im Namen des ganzen Volkes, wenn nicht der Menschheitdas Wort zu führen und ein massgebendes Urtheil abzu-geben, und dem als Vertreter der Grossmacht der öffent-lichen Meinung selbstverständlich der Pluralis majestaticusgebührt, sondern das Wir der Bescheidenheit. Der Redendeenthält sich des Ich, als habe nicht er selber selbständiggefunden, gezeigt u. s. w., sondern als-habe der Leserund Hörer ihm dabei geholfen, als sei es eine gemeinsameArbeit gewesen das Wir räumt dem Leser, Hörer, einenAntheil am Verdienst ein.

2. Das Wir.

Das Wir und Unser ist die gegebene sprachliche Form

für jede Gemeinschaft des Redenden mit dem Angeredeten,

und kein Grieche oder Römer würde es begriffen haben,

dass der Gebrauch beider Pronomina in irgend einem

45*