Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
693
Einzelbild herunterladen
 

Die Phraseologie der Höflichkeit — Bescheidenheitsphrasen. 693

dem Optativ; im Lateinischen: esse videtur (bei denrömischen Juristen ganz stehend, bei Cicero noch gesteigertzum esse videatur, eine individuelle Wendung von ihm,die in Rom keinen Anklang fand), der Conjunctivus poten-tialis: hoc confirmaverim, vix, paene dixerim; entsprechendim Deutschen: es möchte, dürfte, könnte etc. Die ab-schwächenden Partikeln, die man geradezu als die Höflich-keitspartikeln bezeichnen könnte: doch, doch wohl, etwa,vielleicht, schwerlich, kaum. Die einst üblichen Formeln:nach meiner unmassgeblichen Ansicht, unvorgreiflichenMeinung, mit gütigem, geneigtem Wohlwollen u. s. w.Die Bitte um Erlaubniss zur Aeusserung der Ansicht:wenn sie mir die Bemerkung verstatten wollen — haltenzu Gnaden u. a. m.

b. Bei Stellung einer Bitte. Die directe Stellung derBitte gilt der Bescheidenheit zu dreist, sie bittet erst nochum die Erlaubniss, sie stellen zu dürfen (wenn ich bittendarf — darf ich bitten? der Chinese: darf ich es wagen?),oder sie schickt eine Entschuldigung voraus (z. B. dieAnrede an Jemanden, den man auf der Strasse um denWeg fragt: um Vergebung — um Entschuldigung etc.).Stellung der Bitte auf das Wohlwollen (wollen Sie wohlso gut — so freundlich sein — die Güte — Gewogenheitu. s. w. haben?) — Hinzufügung des Vorbehalts, dass esdem Andern keine Ungelegenheit, keine Mühe mache, dasses ihm passe, — Herabsetzung des Inhalts der Bitte aufein Minimum (der Quantität nach: ein wenig Wasser ein-