Die Phraseologie des Bediententhums. 691
Aber einen Punkt gibt es allerdings, wo sie dies Massweit überschritten hat, und zwar meines Wissens in allenmodernen Sprachen, es ist, wenn ich es kurz bezeichnensoll, ein Stück Bedientensprache, das die allgemeineHöflichkeitssprache in sich aufgenommen hat.
Wenn man sich durch das Zeugniss der Sprache leitenlassen wollte, so möchte man glauben: die moderne Welthabe keine vollendetere Verwirklichung des Gedankens derHöflichkeit gekannt als die Unterwürfigkeit des Bedienten,bei ihm habe sie sich in die Schule begeben, um das Vor-bild, das er ihr gab, nachzuahmen, und sie habe daherfür die Versicherung der Achtung keinen prägnanterenAusdruck gefunden als die Selbstbezeichnung als Bedienter,Diener, Sclav.*) Dem entsprechen auch die sonstigen
meinen schwachen Kräften, nach meinem dummen Verstände, nachmeiner schwachen Einsicht u. s. w. Von dem Eignen: Formen derEinladungen (zu einem Löffel Suppe, zu Thee und Butterbrod, zueinem Glase Wein, einem bescheidenen, einfachen, frugalen Essenu. s. w.) — Bitte vorlieb zu nehmen — Entschuldigungen, Selbst-anklagen guter Hausfrauen in Bezug auf die Güte der vorgesetztenSpeisen u. s. w. In China sind letztere, die bei uns jedenfalls nichtzum guten Ton gehören, schlechthin obligat, der Gast seinerseitshat darauf zu orwidern: es sei viel zu köstlich, er wage es nichtanzunehmen, er bedauere, dass der Wirth sich um seinetwillen soin Unkosten gesetzt habe u. s. w.
*) Die von dem lateinischen servus gebildeten Ausdrücke derromanischen Sprachen: Hai. servo, franz. serviteur, span. servidormit entsprechenden Zusätzen: devoto, devotissimo, ubbedientissimo,umilissimo — tres humble u. s. w., der Spanier fügt am Schluss desBriefes zu dem S. S. S. (su seguro servidor) noch hinzu Q. B. S. M.(— que besä sus manos = welcher Ihnen die Hand küsst). ImDeutschen ist an die Stelle des einst auch üblichen »Sclave undKnecht« der »Diener« getreten (mündliche Grussform: Ihr Diener, —
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