Die Phraseologie der Höflichkeit — Selbstherabsetzung. 689
statt der naturgemässen einen! — ich wüsste nicht, washier noch übrig bliebe.
3. Herabsetzung von sich und dem Seinigen.
Sie bildet das Gegenstück zu dem Vorhergehenden,aber nicht das Correlat desselben — man kann einen An-dern noch so sehr erheben, ohne sich selber herabzusetzen,die fremde .Grösse bedarf nicht der eignen Erniedrigungals Schemel. So haben auch die Griechen und Römer dieSache angesehen, in ihrer Höflichkeitssprache finde ichauch nicht die leiseste Spur jener unwahren und wider-wärtigen, von wirklicher Bescheidenheit weit entferntenSelbsterniedrigung, zu der sich die ostasiatischen und leiderauch die modernen europäischen Völker haben verleitenlassen; ihr würdiges Selbstgefühl und ihr Freiheitssinnschützte sie dagegen. Läge hier lediglich die servileWeise einzelner Individuen vor, so würde die Höflichkeitdie Verantwortung dafür von sich ablehnen können, abersie hat dasjenige, was jene zuerst erdacht und aufgebrachthat, angenommen, ihm den Stempel von obligaten Höflich-keitsformeln aufgeprägt und damit die Mitschuld auf sichgeladen.
Den äussersten Grad hat diese Verirrung der Höflich-keit meines Wissens bei den Chinesen erreicht. Es istGebot der chinesischen Höflichkeit, alles, was den Reden-den selber betrifft, herabzusetzen. Er selber ist schlecht,gering, dumm, in Berücksichtigung seiner Dummheit bitteter, wenn er selber und der Andere ein studirter Mann
T. Jhering, Der Zweck im EecM. II. 3. Aufl. 44