Der Sündenfall der Sprache. 669
die seltsamen sprachlichen Verirrungen und Sünden, derensich die Höflichkeitssprache schuldig gemacht hat, kenn-zeichnen zu können.
Alles dieses war ursprünglich ausschliesslich für dieHohen der Erde bestimmt, alle auserlesenen Höflichkeits-formen, die symbolischen wie die verbalen, haben auf denHöhen der Gesellschaft zuerst das Licht der Welt erblickt.Aber es spielt sich hier dasselbe Stück ab, dem wir beider Mode begegnet sind: die Hetzjagd der Standeseitelkeitund Standeseifersucht. Die übrigen Stände haben nichteher geruht, bis sie, so weit und so gut sie es eben ver-mochten, sich ebenfalls in Besitz dessen gesetzt hatten, wasdie Höheren für sich ersonnen hatten. Wie eine neueMode, die zuerst bei der Herzogin auftaucht, schliesslichbis zur Handwerkersfrau herunterkommt, ebenso die Höf-lichkeitsformen. Wendungen und Ehrenprädikate, welcheeinst das Vorrecht fürstlicher Personen bildeten (s. u.) sindheutzutage dem Geringsten gegenüber im Gebrauche —der demokratische Zug der Zeit.
Ich wende mich im Folgenden zunächst der Phraseo-logie der Höflichkeit zu, wobei ich den ganzen Vorralhvon Worten und Wendungen, welche im Sprachgebrauchedie Geltung von Höflichkeitsphrasen gewonnen haben, zu-sammenstellen und nach passenden Gesichtspunkten ordnenwerde.