• Die drei charakteristischen Züge der Sitte. 265
damit dieselbe bei letzteren ihren Zweck erreiche, inusssie von Allen befolgt werden, wie die Polizeivorschriftgleichmässig beachtet werden niuss von den Vorsichtigenwie von den Unvorsichtigen. Darum begründet die Nicht-achtung der Sitte auch für diejenigen einen Vorwurf, denendavon persönlich nicht der mindeste Nachtheil droht, dennsie handeln rücksichtslos gegen ihr Geschlecht, indem siedas Bestehen der Sitte gefährden, die Starken haben sichihr zu unterwerfen, damit sie in der Person der Schwachenihre heilsamen Wirkungen ausübe — die Aufrechterhaltungder auf das Weib berechneten Sitte ist ein gemeinsamesInteresse des ganzen weiblichen Geschlechts.
Wollen wir die hier entwickelte Auffassung der gesell-schaftlichen Bestimmung der Sitte in ein einziges Wort zu-sammendrängen, so sagen wir: die Sitte ist die Sicher-heitspolizei des Sittlichen.
Dritter Zug: die Localisation der Sitte.
Die niederen Stände sind nicht in der Lage, dieobigen Vorschriften der Sitte zu befolgen, für sie habendieselben keine Geltung. Darin liegt ein abermaligerUnterschied der Sitte von der Moral. Letztere richtet dieVorschriften gleichmässig an alle Klassen der Gesellschaft— es gibt keinen Moralcodex für gewisse Stände — aberdie Sitte ist genöthigt, sich den äusseren Verhältnissenzu accomodiren, sie setzt einen günstigen Boden voraus,den sie nur in den höheren und mittleren Begionen derGesellschaft findet, nicht in den niederen. Die Sprache