250 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
des andern Theils in Banden geschlagene Gewohnheit deseinen.
Ich habe hiermit den Hergang veranschaulicht, wieer meiner Ansicht nach bei der Bildung der Sitte ausder Gewohnheit Statt gefunden hat. Damit hat aber keines-wegs behauptet werden sollen, dass dieser Uebergangüberall erfolgt, wo zu einer bestehenden Gewohnheit dasInteresse sich hinzugesellt; sonst müssle aus derselbenauch in Fällen, wo die hergebrachte Weise der Kleidung,Ernährung, Heizung u. s. w. Anlass geboten hat zur Be-gründung gewisser Industriezweige, ebenfalls eine Sitte,d. h. eine Verpflichtung zur Beibehaltung der Gewohnheitim Interesse des andern Theils hervorgehen. Meine Be-hauptung geht nicht dahin, dass überall, wo zur Gewohn-heit des einen Theils ein Interesse des anderen sich hin-zugesellt, die Sitte daraus hervorgehe, sondern dass, wodie blosse Gewohnheit sich in Sitte verwandelt, dies aufdie angegebene Weise zu erklären sei, woraus sich dannvon selbst ergibt, dass nicht jedes Interesse schlechtindazu ausreicht, sondern, dass es einer besonderen Gestal-tung desselben bedarf, über die sich im Allgemeinen nichtssagen lässt.
Ein gewisses Gegenstück zu dem bisher erörtertenPhänomen bietet das Folgende dar.
3) Das Herabsinken der Sitte zum praktischbedeu-tungslosen Brauche.
Ist der Zweck hinweggefallen, dem die Sitte zu dienen