Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
249
Einzelbild herunterladen
 

Die Sitte. Leichenschmäuse, Trinkgelder. 249

währte sich, Andere folgten dem Beispiele. So ward es»Brauch«. Wie schlug nun der Brauch in Sitte um? Da-durch, dass die beiderseitigen Interessen sich so zu sagenin einander verfilzten und ein einziges Ganze gegenseitigerVerpflichtungen bildeten. Die Leute müssen zur Leichekommen, aber die Hinterbliebenen müssen ihnen dasMahl anrichten, d. h. der Leichenschmaus und das Folgenzur Leiche ist aus beiderseitiger freier Gewohnheit einebeide zur Einheit verbindende Sitte geworden.

Ein zweites Beispiel gewährt die Sitte des Trink-geldgebens*). Ursprünglich eine freie Gabe Einzelner,ward das Trinkgeld allmählich allgemeine Gewohnheit.Sitte ward es dadurch, dass diejenigen, welche es er-hielten, sich nach und nach daran gewöhnten, das Trink-geld bei Berechnung ihres muthmasslichen Einkommensmit in Anschlag zu bringen, und dass selbst die Dienst-herren sie bei Bemessung des Lohnes darauf verwiesen.So ward das Trinkgeld zu einem Elemente des Dienst-verhältnisses, einer eigenthümlichen Art des Lohnes, denNiemand fortan vorenthalten kann, ohne ein darauf basir-tes Lebensverhältniss zu lädiren. Auch hier charakteri-sirt sich die Sitte wiederum als die durch das Interesse

*) Das Thema ist von mir inzwischen seit dem Erscheinen derersten Auflage dieses Bandes in einem besonderen, aus den obigenUntersuchungen über die Sitte hevorgegangenen Aufsatze behandeltworden, der ursprünglich in Westermanns Monatsheften 1882, April-heft veröffentlicht worden und dann als besondere Schrift erschienenist: Das Trinkgeld, Braunschweig, 2. Aufl. 1882.