Die Sitte. 245
esse, das Interesse anderer Personen ist dabei nicht be-theiligt.
Ganz anders bei der Sitte. Bei ihr steht nicht blossdas eigene Interesse des Handelnden, sondern auch oderausschliesslich das dritter Personen oder des ganzen Publi-cums auf dem Spiel. Es handelt sich dabei um jene In-teressenverkettung, welche den Grundzug des gesellschaft-lichen Lebens bildet und der die Gesellschaft die An-forderung entnimmt, dass der Handelnde auf sie Rücksichtnehmen solle. Diese von der öffentlichen Meinung gefor-derte Rücksicht auf die Interessen Anderer, sagen wirkurz: das Postulat des gesellschaftlichen Handelns ist es,welche das Wesen der Sitte im Gegensatz der Gewohnheitausmacht.
Daraus erklärt sich die nachtheilige Folge, welche dieNichtachtung der Sitte im Gegensatze zu der blossen Ge-wohnheit für den Handelnden nach sich zieht: der Tadel,die Rüge, Missbilligung seiner Handlungsweise von Seitendes Publicums. In letzterer spricht sich nicht etwa einbloss theoretisches Urtheil aus wie über einen falschenSchluss, ein irriges Rechenexempel, ein misslungenes Kunst-werk, sondern die Absicht einer praktischen Behauptungder Sitte als einer werthvollen socialen Institution gegenden Versuch ihrer Missachtung. In demselben Masse, indem Jemand den Werth der Sitte für das Gemeinwesenmehr oder minder lebhaft empfindet, wird er diesem Ge-fühle nicht bloss da, wo sein eigenes Interesse auf dem